Das Obst des Jahres ist ein Mann

Stell Dir vor es ist Eltern, und keiner denkt mit

TheLastCandyCane

Jubel, Trubel und das völlig entnervende Geräusch miteinander über belanglosen Firlefanz streitender Verwandter erfüllte den Verkaufsraum unserer Buchhandlung. Kleine Kinder verteilten von Candy-Canes zuckrigen Sabber nach einem erstaunlich unregelmäßigen Muster auf dem Boden, ältere Damen unterhielten sich über Literatur die sie nicht verstanden und eine Reihe verzweifelter Ehemänner fragten nach Frauenliteratur. Für die Mütter ihrer Frauen.

Ein weihnachtliches Abenteuer mit Kopfschüttel-Potenzial.

Like a boss

Ich schlich mich gerade an einer kleinen Horde potenzieller Käufer vorbei, die ein Buch nach der Farbe des Covers und dem Geruch des Leims auswählten. Nun habe ich, in der Zwischenzeit, ja schon einige Erfahrung darin und hielt meinen Kopf recht erfolgreich unten, während ich ein halbhohes Regal mit Ratgebern zum Thema „Erfolgreiches Business“ als Deckung benutzte.

Doch von einer Sekunde auf die andere änderte sich die Temperatur im Raum. Ein Gefühl beschlich mich, ähnlich dem, das ein Schüler hat, kurz bevor seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden und der Lehrer ihn an die Tafel ruft. Vor einigen Tagen noch hätte ich versucht zu flüchten, doch als ich, zwischen zwei Buchdeckeln hindurch, einen kurzen Blick riskierte, wusste ich, dass das keinen Zweck hatte.

Ich erhob mich, putze die letzten Reste von Würde in schwungvollen Handbewegungen von meinem Pullover, und machte mich resigniert auf den Weg.

Musterexemplar im Tarnumgang

Er trug eine kreisrunde Hipster-Brille und die Last der Welt auf seinen Schultern. Diese besondere Sorte Kunden, die wir hier gerne „Betroffenheitstouristen“ nennen, ist vielleicht kein Unikum – und trotzdem eine seltene Gattung, die ich näher charakterisieren muss. Es handelt sich dabei um Menschen, die den zweiten Weltkrieg noch verarbeiten. Obwohl sie ihn nicht miterlebt haben.

Es sind Menschen, die (oftmals von weit her) anreisen, um sich den Teil Wiens anzusehen, der damals hauptsächlich von Juden bevölkert war. Jetzt verhält es sich ja so, dass an deren schweren, haarsträubenden Schicksal kein Zweifel bestehen kann. Und trotzdem kann man auch einmal genug davon bekommen, die Geschichten aus den Mündern der Nachfahren zu hören. Ich bin auch der Meinung, dass es gar nicht genügend Mittel gibt um jene zu entschädigen, die da durch mussten. Bloß: Ich habe deshalb kein schlechtes Gewissen. Ich war nicht dabei.

Ich schlurfte also zu dem Herren hin, von dem ich mir erwartete eine furchtbare Geschichte über seine Urgroßmutter oder seinen Urgroßvater zu hören, und stellte, nach einer kurzen Begrüßung und einigen wenigen Reizworten fest, dass es sich bei dem Herren um einen Vater handelt, der nach einem passenden Geschenk für seinen Sohn suchte. Erleichtert krebste ich zwischen den Schaaren von Kunden hindurch, wendete mein bestes Verbal-Kung-Fu auf um diverse Anfragen von deren Seite abzuwehren – und landete schließlich vor einem der Regale mit Kinderbüchern.

Das Finale

„Wie alt ist er denn?“, fragte ich unschuldig. Hoffnung keimte auf, ich könnte den Fall schnell abhandeln und mich dann fluchs hinter meinem Lieblingsregal verschanzen, wo ich in der Zwischenzeit einen meiner Kollegen vermutete.

„Sieben.“, kam die knappe Antwort.

„Und wofür interessiert er sich denn so?“. Mit geübtem Blick scannte ich die Buchrücken im Regal, um auf jede Eventualität vorbereitet zu sein. In der Weihnachtszeit weiß man ja schließlich nie, was genau in der Sekunde noch verfügbar ist, in der man danach gefragt wird.

„Er interessiert sich sehr für griechische Mythologie.“

Ich lächelte, sagte etwas ähnliches wie „Ausgefallen.“ und griff bereits (unter den wachsamen Blicken mehrerer Mütter mit lauter sechsjährigen Wunderkindern) ins Regal, als er noch einen drauf setzte.

„Außerdem beschäftigt er sich sehr mit Kriegen. Und dem Holocaust.“

Eine Eisscholle fuhr meinen Rücken hinab, und der Eisbär darauf versuchte sich verzweifelt mit seinen Krallen in meinem Kopf festzuhalten. Ein Siebenjähriger, der sich mit dem Holocaust beschäftigt. Während ich noch nach Luft schnappe, klopfte ein junger, weiblicher Betroffenheitstourist dem Mann mitfühlend auf die Schulter. Sie tauschten verständnisvolle Blicke miteinander.

„Er ist erblich vorbelastet.“, erklärte mir der Mann, während ich überlegte, ob ich ihn mit einigen subtilen Zaunpfählen zur Abteilung mit pädagogischer Fachliteratur prügeln soll. Doch ich entschied mich anders, imitierte das falsche Lächeln eines kriminellen Gebrauchtwagenhändlers mit der Übung des im Weihnachtsstress steckenden Buchhändlers und täuschte seinen auf mich geschleuderten Ball mit einem Kinderbuch ab. Ein gewagtes Manöver, wie ich gerne zugebe.

Das bewusste Buch enthielt die (kindgerechte) witzige Geschichte einiger Schrebergarten-Vampire und ist mit kurzen Comic-Elementen durchsetzt, die ihm einen frischen, aktuellen Anstrich verpassten. Genau das also, was der Junge in seinem Leben vermutlich vermisste. Allerdings hatte es einen Makel.

Ich reichte das Buch und sah anschließend dem Mann zu, wie er darüber für den Bruchteil einer Sekunde die Nase rümpfte. Dann reichte er es mir zurück und schüttelte den Kopf.

„Nein.“, sagte er und schenkte mir das Lächeln eines nachsichtigen Erwachsenen, der ein Kind (vermutlich seines) sanft zurecht wies. „Da steht hinten drauf, dass es erst ab neun Jahren geeignet ist. Da steht auch soviel drinnen, soviel Text. Und wenn ich es mir ansehe weiß ich, dass er … noch nicht so weit ist.“

Fazit

Ladies and Gentleman. Der Mann wird von mir zum Obst des Jahres gewählt. Und eine Frage beschäftigt mich dabei außerdem: Wenn das viel Text ist, wie kommt der Junge dann zu seinen Informationen über den Holocaust? Bilder? Filme? Periodisch stattfindende Diskussionsrunden mit den letzten Überlebenden und deren Anverwandten? Was hättet Ihr gemacht?

Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.

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4 Kommentare zu „Das Obst des Jahres ist ein Mann“

  1. Vielleicht hat der Junge schon mit drei Jahren, „Maus“ von Spiegelmann bekommen; möglicherweise sogar im Original, denn da ist ja nicht so viel Schrift drin. 😉

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