Rezension: Die vielen Leben des Harry August

Round and round it goes

dievielenlebendesharryaugust
Das ausgesprochen gelungene Cover: Ewiger Kreis, und so…

Zeitreisen sind, in der Science Fiction, ein alter Hut. Oder ein neuer Hut. Je nachdem, ob man sich am Anfang oder am Ende einer Zeitschleife befindet und in welche Richtung man darauf unterwegs ist. Oder so. In ‚Die vielen Leben des Harry August‘ ist der Protagonist nur in eine Richtung unterwegs – und innerhalb seines eigenen Lebens. Das dafür mehrfach, ohne Zeitmaschine und sensationell gut geschrieben.

Es gibt viele Bücher, in denen sich alles um Zeitreisen dreht. Dass Zeitreisen selbst – zumindest unserem heutigen Verständnis von Raum und Zeit nach – nahezu unmöglich sind, ist für SciFi-Autoren bekanntlich kein Hindernis, sondern allenfalls ein Grund mehr sich eine Lösung zu überlegen die glaubhaft ist. Manchmal gehen sie aber auch einen ganz anderen Weg. Eine Abkürzung, sozusagen.

Indem sie diesen Aspekt einfach völlig unerklärt lassen nehmen sie einen großen Brocken potenzieller Erklärungsnot aus dem Rennen und überlassen das ‚wie‘ dem Leser und seiner Fantasie. Das funktioniert natürlich nicht immer.

In ‚Die vielen Leben des Harry August‘ funktioniert das. Und wie.

Ähnlich … und doch keine billige Kopie

Claire North jedenfalls hat es Ken Grimwood gleich getan und (wie dieser in seinem Roman ‚Replay‘) einen faszinierenden Ansatz gewählt. Einen Ansatz, der uns vielleicht näher steht als jede Überlegung darüber wie denn nun eine Zeitmaschine funktionieren könnte: Sie lässt ihren Protagonisten einfach sein eigenes Leben nochmal erleben.

Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, hätte er dieses oder jenes anders gemacht? Oder wie es wäre, wenn er die Möglichkeit hätte, seinem jüngeren Alter-Ego etwas zu schicken? Vermutlich würden wir verzweifelt versuchen uns an Sportereignisse oder Lotto-Zahlen zu erinnern um uns so das Leben beim zweiten Versuch ein wenig … angenehmer zu gestalten.

Dumm nur, wenn man – wie Harry August – (stets) unter widrigen Umständen zu Welt kommt. Und das auch noch unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg – eine Zeit, die in Sachen Ruhe und Komfort von seinen Tagen als alter Mann nicht weiter entfernt sein könnte. Seine Kindheit und Jugend in ärmlichsten Verhältnissen, eingebettet in ein nahezu feindliches Umfeld, verbringen zu müssen macht jede Wiedergeburt zu einem vielleicht noch unangenehmeren Akt als das Sterben selbst.

Freunde für’s Leben – für viele Leben…

An irgendeinem Punkt in einem dieser Leben würde sich jeder fragen, ob er denn alleine wäre mit diesem Schicksal. Der Wunsch nach Verständnis würde wohl irgendwann übermächtig. Doch was geschieht eigentlich, wenn jemand einem glaubt?

Als Harry sich nämlich offenbart, setzt sich eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihn für immer verändert, macht Menschen auf sich aufmerksam, deren Pflichtgefühl sie dazu drängt sich mit ihm auseinander zu setzen. Menschen, die auch vor Folter nicht halt machen, um (welt-) politisch brisante Details aus Harry zu pressen. Denn nur die kleinste Zeitungsmeldung, an die er sich erinnern kann, könnte der Schlüssel zu ungeahnten Möglichkeiten auf dem Parkett des kalten Krieges sein. Und Harrys Gedächtnis stellt sich als außerordentlich gut heraus.

Aus eigener Kraft kann er sich nicht befreien, soviel steht fest. Und deshalb macht er einen verzweifelten Versuch Menschen zu finden, die ihm gleichen – mit Erfolg. Der ‚Cronos Club‘, eine Vereinigung von Wesen wie Harry selbst, nimmt sich seiner an. Doch was sich zunächst als Segen darstellt, wird schnell zum Verhängnis; auch wenn das von keiner der beiden Seiten beabsichtigt ist.

So schlittern wir, an Harrys Seite, in eine Auseinandersetzung unglaublichen Ausmaßes, in der es um nichts weniger als um das Schicksal der Menschheit geht; in einer Form, wie sie wissenschaftlich interessierten Geistern nur die Tränen in die Augen treiben kann. Natürlich die ‚guten‘ Tränen. 🙂

Wo viel Licht ist, ist manchmal wenig Schatten

Ein einziger Wermutstropfen dabei ist, dass Claire North in Sachen Sprache, meiner Meinung nach, nicht ausreichend aufgepasst, nicht genügend differenziert hat. Gut … ihr Protagonist befleißigt sich einer Sprache, wie sie für mehrere hundert Jahre alte Personen vielleicht angemessen ist – und das ist gut so. Was die jüngeren oder ’normalsterblichen‘, im Buch ‚linearen‘ Menschen angeht, währe eine mehr alltagstaugliche Ausdrucksweise passender gewesen.

Es ist eine Kleinigkeit – ich wollte sie nur erwähnt wissen. Für den Fall, dass jemand unter Euch ist, der Schachtelsätze und ausgefeilte Formulierungen nicht all zu sehr schätzt.

Fazit

Lesen! Unbedingt. Es ist nicht leicht, mehrere Menschenleben in ein Buch zu packen, ohne dass es allzu verwirrend oder langatmig wird. Ken Grimwood hat es geschafft, indem er die Leben sauber abgeschlossen nacheinander präsentierte, keinen Satz zuviel schrieb. Claire North geht einen anderen, nicht-linearen Weg – und schafft es vielleicht sogar noch besser, uns in ihre Welt zu ziehen. Oder in die des Harry August.

Also nochmal: Lesen! 🙂


Das Hintergrundbild im Titelbild wurde hier heruntergeladen. Es befindet sich in der Public Domain.


dievielenlebendesharryaugustClaire North
Die vielen Leben des Harry August

Bastei Lübbe
Hardcover, 492 Seiten
978-3-431-03930-6

(D) € 19.99
(A) € 20.60

 

 

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4 Kommentare zu „Rezension: Die vielen Leben des Harry August“

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