Rezension: Quantum Suicide

Vorwort

„Quantum Suicide“: Der Titel als Anspielung auf das Gedankenexperiment des österr. Physikers Hans Moravec.

Im Grunde wollen Leser eigentlich immer nur das Eine: Ihre eigene Meinung oder ihre eigenen Fantasien in den Worten anderer lesen. Ist es nicht so? Dagegen kann man etwas tun!

Mal ehrlich: Verlaufen wir uns in Sachen Lieblingslektüre nicht mitunter in von uns selbst ausgetrampelten Pfaden? Also mir geht’s gelegentlich schon so. Dagegen ist glücklicherweise ein Kraut gewachsen: Neuen Autoren eine Chance geben, zum Beispiel. Und damit meine ich nicht ‚andere‘ etablierte Schriftsteller, sondern solche, die noch viel vor sich haben. Einen solchen finden wir zum Beispiel in David Schwertgen, dessen Buch (eBook) ‚Quantum Suicide‘ ich hier rezensieren möchte.

Möchte, sagte ich. Nur für den Fall, dass jemand glaubt, dass das Verschicken von Rezensionsexemplaren automatisch zu einer guten Rezension führt! 😀

Status: Es ist kompliziert

Mit unserem ‚Ich‘ ist das so eine Sache. Eine verflixt komplizierte Sache. Denn im Grunde genommen nehmen wir es doch kaum war. Wer denkt schon darüber nach, dass oder ob er wirklich ‚er selbst‘ ist? Das scheint – ganz wenige Fälle ausgenommen – für uns alle einfach fest zu stehen. Und solange das so ist, wird es nicht hinterfragt. Erst, wenn es einmal nicht mehr so ist, würden diese ‚Tatsache‘ hinterfragen – allerdings sind wir dann nicht mehr da um diese Frage zu stellen.

Zur Story

In ‚Quantum Suicide‘ erleben wir, wie ein solches ‚Ich‘ verloren geht. In Sprüngen durch verschiedene, nicht in sich selbst schlüssige Szenen erleben wir, wie der Protagonist sich selbst verliert. Wer sich diesen Vorgang als eine Art ‚Verblassen‘ vorstellt, der liegt allerdings nur zum Teil richtig. Vielmehr werden die Erfahrungen, die er während seiner ‚Permutationen‘ macht, immer undurchsichtiger, immer unverständlicher – und doch für ihn selbst nicht weniger real.

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Quasi ständiges Permutieren: Kartenspiele. 😀 – (Paul Cézanne: „Les Jouers De Carte“) – Bildnachweis

Was eine Permutation ist? Das ist ganz einfach: Eine Umsortierung. Wenn Karten gemischt werden, handelt es sich dabei um eine solche. Wenn Anagramme aus einem Wort ein anderes machen, dann ist das ebenfalls eine. Und wenn unser Protagonist bestimmte Situationen neu (und verändert) erlebt, dann ist das auch eine Permutation. Eine solche ist natürlich nur in einer künstlichen Umgebung erlebbar; und eine solche wurde für unseren Protagonisten geschaffen. Eine Umgebung, die von außen nur leidlich beeinflusst wird.

So ist sein Antagonist ein ehemaliger Freund, dessen Erfolg bei Frauen für das ursprüngliche Problem sorgt. Ursprünglich deshalb, weil der Protagonist auf Grund der dadurch entstehenden Eifersucht in einen Zustand verfällt, der eine gewisse Behandlung notwendig macht. Diese Behandlung ist es dann schließlich, die wir durch das ganze Buch verfolgen – auch, wenn das manchmal nicht so klar durchscheint.

Es war nicht leicht das Buch zu lesen. Die Szenenwechsel muten wie ein Stakkato an – ein Effekt, der sich erst im Laufe des Romans als sinnvoll herausstellt. Auf merkwürdige Weise erinnerte es mich deshalb an die ersten Seiten aus Stanisław Lems ‚Der Futurologische Kongress‘, in dem der Protagonist eine Abfolge höchst seltsamer Ereignisse zu durchleben gezwungen ist. Aber ich will hier nicht abschweifen.

Wie es geschrieben steht

Während der Lektüre fühlte ich mich, als sähe ich ein Theaterstück. Aber ohne freien Blick auf die Akteure. Die standen wohl hinter einer Papierwand, wobei sie von hinter der Bühne so stark beleuchtet wurden, dass ihre Schatten auf dem Papier gut erkennbar waren. Sie waren flach, ja. Aber man konnte erkennen, dass sie es nicht unbedingt hätten sein müssen. Die Papierwand nämlich, die ich meine, war der zweifelsfrei noch in Entwicklung begriffene Schreibstil von David Schwertgen. Denn: ‚Quantum Suicide‘ ist ein Erstling – und das lässt sich nicht leugnen.

Ich stelle mir vor, dass die Geschichte selbst – mit all ihren Bildern, Analogien und gut gezeichneten Metaphern – erst der Anfang ist. Dem Autor wollte ich manchmal zurufen, dass die Sprache wie ein falsch bearbeiteter Edelstein wirkt: Glatt, aber im falschen Muster. Denn selbst ein Diamant funkelt nur, wenn er richtig geschliffen ist. Ein bisschen die Sprache nach unten zu dimmen kann nicht nur ganz neue Leserschichten erschließen, sondern gibt vielmehr den Blick auf die Bühne hinter der Wand frei; etwas, das letztlich die guten Theaterstücke und die besten Romane gemeinsam haben. Oder anders formuliert: Schreiben Sie doch ein wenig mehr, wie den Lesern der Schnabel gewachsen ist! 🙂

Fazit

Mir hat das Buch gefallen – aber ich könnte es nicht guten Gewissens jedem empfehlen. Wer mit Quantenuniversen und der zugehörigen Sprache nichts zu tun hat, der wird es schlicht nicht verstehen. Aber wer sich für den Plot erwärmen kann, dem möchte ich es trotzdem ans Herz legen. Vor Allem, weil ich glaube, dass Hr. Schwertge das Potenzial hat, noch viele weitere spannende Plots zu entwerfen. Oh … und, dass er an der (sich meiner Meinung nach ergebenden) Aufgabe seinem (zukünftigen) Publikum die hermeneutische Latte ein wenig tiefer anzusetzen nicht scheitern wird.


Weitere Lesenswerte Rezensionen des Buches


Quantum Suicide | David Schwertgen | 978-3-9816543-7-0 | (D & A) € 4.99

UPDATE: In der Zwischenzeit auch als Taschenbuch erhältlich!
9783981654387 | (D) € 9.90 | (A) Bisher noch nicht verfügbar


Bildinformation: Das Hintergrundbild im Titelbild wurde hier heruntergeladen. Es befindet sich in der Public Domain.


Ich habe vom Autor ein Rezensionsexemplar erhalten.

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