Warum ich kein Autor sondern feige bin

Was ich selten erzähle

AvatarComicBoom
Ein Text in eigener Sache. Länger als beabsichtigt. Kürzer als befürchtet.

Eins gleich vorweg: Ich möchte nicht, dass Ihr Euch im Hintergrund traurige Geigenmusik vorstellt. Diesen Text schrieb ich, weil ich erklären will, warum ich es nicht schaffe meine Texte zu vollenden bzw einem Verlag zu zeigen. Sogar mit Textprobe zum Download – zum besseren Verständnis. 🙂

Ich glaube, dass jeder Buchhändler früher oder später ans Schreiben denkt. Und bei vielen kann ein solches Experiment auch gut ausgehen. Kann.

Auch ich gehöre zu denen, die ab und an Texte als Ventil benutzen. Tatsächlich habe ich das früher sogar recht häufig gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein großer Fan von Stephen King (der immer dazu anregt etwas zu Papier zu bringen, auch wenn es nicht taugt veröffentlicht zu werden) bin – vielleicht aber auch nur an einer Art romantischer Ader, die ich nie ganz unterdrücken konnte.

Hier jedenfalls meine Geschichte. Zu Referenz-Zwecken. Damit ich jetzt jedes Mal, wenn ich in einer Diskussion um selbst-geschriebenes gefragt werde, warum ich mit meinen nicht auch einmal mein Glück versuche, darauf verweisen kann. Ich bin Buchhändler – da kommt derlei erstaunlich häufig vor. 😉

Schule

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Sagte man mir, ich müsste wieder in die Schule…

Ich war immer ein schlechter Schüler. Das lag weniger daran, dass ich intellektuell nicht auf der Höhe war, als vielmehr an meinen (bis heute) starken Schwierigkeiten mit gewissen Machtstrukturen. Naja … vielleicht war auch die Schule der Auslöser für dieses Problem. Wie auch immer: Heute, als Erwachsener, weiß ich, dass die Person, die dafür wohl verantwortlich zeichnet, kein böser Mensch war. Unfähig mich zu motivieren schon – aber nicht böse. Ich bin 33. Ich träume noch immer sehr häufig von Situationen, in denen ich vor der gesamte Klasse zur Schnecke gemacht werde, weil ich irgendwas nicht so gemacht habe, wie sich mein (wie könnt’s anders sein…) Mathe-Lehrer vorgestellt hatte.

Selbstverständlich habe ich, als Jugendlicher, so darauf reagiert, wie man es eben tut: Ich habe immer weniger gemacht. Wenn es egal war, was ich tat – so dachte ich – kann ich genauso gut alles bleiben lassen. Ich hörte auf zu lernen und traf in der Punk-Szene auf Menschen, denen es entweder ähnlich ergangen war, oder die nicht unbedingt dazu geeignet waren mich zurück auf den ‚bürgerlichen‘ Weg zu bringen. Ich verließ die Schule, machte erst halbherzig etwas anderes und trieb dann vollends ab.

Meine einzige positive Erinnerung an diese Zeit waren zwei Texte, die ich geschrieben habe. Einer davon war eine Hausaufgabe, die so sehr gefiel, dass sie vor der Schule ausgehängt wurde. Unser (genervter) Deutschlehrer meinte damals, wir sollten einfach ‚irgendwas‘ als Aufsatz schreiben – und mir fiel nichts ein. Also schrieb ich darüber, dass mir nichts einfiel. Er nannte mich einen ‚Till Eulenspiegel‘ und fragte mich, ob er die Arbeit behalten konnte. Wie gesagt – er ließ sie sogar eine Zeit lang aushängen.

Der zweite Text war eine Schularbeit, von der er am Tag der Rückgabe folgendes sagte: „Ich weiß nicht, ob die Arbeit eine Themenverfehlung oder genial ist. Ich habe noch keine Note darunter geschrieben.“ – er führte aus, dass sie ihm gefiel, aber nicht mit irgendeiner anderen Arbeit vergleichbar wäre, die er von einem der anderen Schüler erhalten hatte. Ich zitterte. Ich war nervös. Ich bekam schließlich die Bestnote.

Das waren vielleicht die einzigen beiden Gelegenheiten meiner Schulzeit, an denen ich wirklich Stolz auf mich war.

Und sonst?

Ich will nicht unbescheiden klingen – aber sogar ich habe Talente. Obwohl ich nie eine formelle Ausbildung nachgeholt habe, erlernte ich das Programmieren und damit etwas, das mein Leben veränderte. Computerprogramme zu erstellen lehrte mich, dass die Welt aus lauter kleinen Algorithmen bestand, die man nur zu entdecken brauchte um sie steuern zu können.

Das nutzte mir in meinem späteren Leben viel. Nach einem kurzen Gastspiel als (mäßig erfolgreicher) Berufssoldat fand ich (mehr oder weniger durch Zufall) einen Großkonzern als Arbeitgeber. Ich hatte Glück, war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und meine durch das Programmieren erworbenen Fähigkeiten halfen mir schnell aus der IT-Ecke heraus in eine Position, die für einen Anfang-20-jährigen geradezu herausragend war. Ich trug bald viel Verantwortung und der Job machte mir durchaus Spaß.

Allerdings begriff ich mit der Zeit, dass meine Arbeit mit unheimlich großer Ausbeutung verbunden war. Ich arbeitete oft bis nach Mitternacht, fing dann früh morgens wieder an – und trotzdem war ich nicht derjenige, der unter meiner Arbeit am meisten zu leiden hatte. Es waren jene, die von meiner Arbeit abhängig waren, ihre Folgen tragen mussten. Denn ich war dafür verantwortlich die Gesamtmenge an zu hohen Ansprüchen möglichst gerecht unter den entsprechenden Kollegen aufzuteilen. Eine Situation, aus der man nicht als (moralischer) Sieger hervorgehen kann.

Das und eine gewisse Unreife in meinem unmittelbaren Umfeld gaben mir irgendwann den Rest. Ich wurde immer öfter krank, kam aber auch mit hohem Fieber zur Arbeit. Als dann die Wirtschaftskrise einsetzte gingen bei unseren Kunden nach und nach die Lichter aus – und der Druck auf meine Kollegen (inzwischen oft Freunde) stieg und stieg. Für ihre Mühen sahen sie kaum noch Lohn. Und ich fühlte mich verantwortlich, schuldig und krank.

Nuja … das alles gipfelte in einem massiven Burnout Ende meiner 20er, einer Belastungsdepression, an deren Existenz ich zuvor noch nicht einmal geglaubt hatte. Abgedunkelte Räume, phasenweise massive Verwirrtheit und soziale Abschottung waren die Folge. Das Schreiben von Kurzgeschichten half mir, wenigstens gelegentlich meine Konzentration zu bündeln und mich von diesem Ballast zu befreien. Hätte ich sie damals jemandem gezeigt – ich hätte positives Feedback als freundliche Lüge und negatives als herben Verlust verstanden.

Buchhandel

Simon scannt ins Leere
Mein Sohn scannt in unserer Buchhandlung herum – und es ist trotzdem keine Kinderarbeit. 😛

Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder fing. Ich kündigte und wurde Buchhändler. Während der Weihnachtszeit habe ich jetzt ungefähr soviel Stress wie an einem Montag Vormittag an meinem früheren Arbeitsplatz – und anstatt um die Verteilung von Millionen-Euro-Zielen auf Kollegen ging es jetzt nur noch um das Schlichten von Büchern in (zu wenige) Regale.

Die in meiner Jugend herausgebildeten Versagensängste hatten sich allerdings an meinem letzten Job (und meinem Burnout) satt gefressen und wuchsen sich zwischenzeitig zu einer Art Paranoia aus. Diese Angst vor einem möglichen Versagen hat bis heute merkwürdige Folgen: Ich kann, zum Beispiel, nicht einfach mit anderen Menschen Online-Spiele spielen, die ich nicht kenne. Schon aus purer Angst davor nicht das leisten zu können, was von mir erwartet wurde. Und – wie gesagt – ich bin 33, das Urteil 17jähriger Vollzeit-Game-Suchtis sollte mir egal sein.

Spitzfindige könnten jetzt anmerken, dass sie ja schon eine ganze Menge von mir gelesen haben, bedenkt man, dass ich sagen will ich veröffentliche nichts. Stimmt. Aber dieser Blog ist eben eine Art … Selbsttherapie und auch meine sonstigen Aktivitäten im Netz zielen in genau dieselbe Richtung. YouTube, zum Beispiel – aber darüber möchte ich lieber ein andermal plaudern. Die Texte hier, auf diesem Blog, sind jedenfalls nicht wie meine Kurzgeschichten für mich. Sie sind … nicht ganz so sehr Ventil wie diese. Es fällt mir leichter hier auf ‚publizieren‘ zu klicken, auch wenn ich oft stundenlang an Rezensionen oder einem Text wie diesem bastle. Schlimm ist es auch, wenn ich einmal etwas kritisches schreibe – dann bekomme ich jedes Mal fast einen Herzinfarkt, wenn diesen jemand kommentiert; rein aus der Angst heraus, ich könnte dafür selbst kritisiert werden.

Dass ich diese (Blog-) Texte allerdings als ‚gut genug‘ einstufe, meine fiktiven Texte hingegen nicht, sollte zeigen, dass ich die Grenzen meines Talents ganz gut kenne.

Self-Publishing

daslebenunddasschreiben
Oh Gott … lest das, wenn (und bevor?) Ihr schreiben wollt! (Link)

Apropos Talent: Ich habe einmal bei Stephen King (in „Das Leben und das Schreiben“) gelesen, dass man entweder schreiben kann – oder eben nicht. Und wer kein Talent hat, der kann es auch nicht lernen. Mein Gerechtigkeitssinn weigerte sich zunächst das zu akzeptieren, doch viele (an-) gelesene Self-Publishing-Bücher später glaube ich, dass er recht hat.

Und jetzt bitte nicht falsch verstehen! Damit will ich nicht sagen: „Jeder, der selbst verlegt ist unfähig (gut) zu schreiben„. Es gibt viele bekannte Ausnahmen, allen voran alle meine Blog-Leser, die eventuell selbst verlegen! 😀

Die Meisten beginnen ihre Karriere in diesem Sektor jedoch mit einer Absage durch einen klassischen Verlag – und ich glaube nicht, dass ich eine solche Absage verkraften würde.

Deshalb schreibe ich meine Texte zumeist nicht fertig. Oder, wenn ich sie schon „fertig“ habe, korrigiere sie nicht. Ich schreibe sie oft ‚in einem durch‘, dadurch entstehen (natürlich) Logik-Fehler, Plotholes und verquere Verbrechen an der deutschen Grammatik. Sie müssten also auf jeden Fall überholt werden. Ich müsste mich dann aber mit meiner eigenen Arbeit auseinandersetzen – und mit meinem mangelnden Talent. Etwas, das ich vermutlich nicht so leicht wegstecken könnte. Für mich war das Schreiben, während dieser Zeit, immer ein Ventil. Von jemand anderem – noch dazu sachverständigen – gesagt zu bekommen, dass es irgendwelchen Ansprüchen nicht genügt, wäre vielleicht fatal.

Übrigens habe ich (gelegentlich) im persönlichen Umfeld mal jemanden etwas von mir lesen lassen. Positives Feedback ist mir dann manchmal fast unangenehmer. Aber das ist ein anderes Thema und von mir nur aufgegriffen worden, weil ich verhindern will jemanden glauben zu machen, dass ich den Text hier geschrieben und die Textprobe online gestellt habe um solches zu provozieren. Es macht mich nämlich auch nervös.

Pfuh. Was soll ich sagen? Ich bewundere also Self-Publisher, möchte aber keiner von ihnen sein.

Beweisantritt

Ich habe (auf Twitter) erzählt, dass ich ein vollständiges Script habe*, das ich nie korrigiert oder irgendwohin eingesendet habe. Tja. Die Gründe liegen jetzt wohl auf dem Tisch. Und natürlich habe ich nicht vor das zu ändern. Aber um den Beweis anzutreten, dass es sich nicht lohnt, habe ich den Anfang einer Kurzgeschichte geschrieben**. Ich betrachte sie einfach als einen Beitrag zu meinem Blog – denn vielleicht kann ich dann besser zeigen, warum ich bin wie ich bin.

Also. Hier ist er. Wer sich das antun möchte, der sei herzlich eingeladen sich das Teil herunterzuladen. Ich habe ihn möglichst rasch, ‚in einem durch‘ und ohne einen zweiten Blick (außer zum Einrücken der ersten Zeilen) geschrieben. So fällt es mir leichter ihn jetzt frei zu geben.

Oh … noch was. Hab‘ ich schon erwähnt, dass ich Stephen King mag? Ich wiederhole das nur, weil ich darauf hinweisen möchte, dass ich sozusagen ‚Fanfiction‘ in seine Richtung schieße.


Anmerkung

*) Tatsächlich habe ich es sogar als TB binden lassen. Ich wollte mich überwinden und es doch korrigieren, habe es aber nie geschafft nachdem meine Schwester die Lektüre „aus Zeitgründen“ abbrechen musste. Da es etwa 500 Seiten stark ist (Anfänger finden nie ein Ende) glaube ich ihr das sogar. Trotzdem war es das Ende dieses … Motivationsschubes.

**) Zwei Kurzgeschichten habe ich tatsächlich noch aufbewahrt. Es waren Halloween-Kurzgeschichten, die ich tatsächlich drei oder viermal ausgedruckt und Freunden zu lesen gegeben habe. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden etwas Neues zu schreiben, damit ich es mir nicht doch noch anders überlege und den ganzen Artikel verwerfe…

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22 Kommentare zu “Warum ich kein Autor sondern feige bin”

  1. Ohne Deine Geschichte bereits gelesen zu haben,das mache ich gleich noch,möchte ich Dir dennoch gleich schon einem schreiben. Ich lese Dich nun ja schon ein Weilchen bei Twitter und auch her und danke Dir für diesen wie ich finde sehr mutigen und persönlichen Eindruck. Ich muss gestehen solche Hintergründe / Beweggründe nicht zu veröffentlichen habe ich nun ich total erwartet. Ich bin froh das du den weg zum Buchhändler gefunden hast!!

    So und nun lese ich Deine Geschichte und bin sicher sie ist gut. 🙂

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  2. Danke für deine Offenheit. Als Buchhändlerin kann ich zuerst mal sagen: deine Theorie stimmt. Ich kenne aus meiner Arbeit und meiner Berufsschulklasse niemanden, der nicht versucht hat etwas zu schreiben. Diese Selbstzweifel begleiten glaube ich alle von uns – den einen mehr und den anderen weniger. Manche deiner Sorgen kommen mir sehr bekannt vor…
    Ich finde es sehr bewundernswert und mutig dass du deinen Text und deine Geschichte „frei gegeben“ hast. 😉
    Liebe Grüße
    *brofist*

    Gefällt 1 Person

  3. Respekt! Da hast du einen nicht gerade leichten Weg hinter dir. Wie schön, dass du den Job gefunden hast, der passt 🙂
    Das Schöne am Schreiben ist ja, dass man nichts veröffentlichen *muss*. Wie Zeichen, Musik, etc. kann man Schreiben ja einfach „nur“ als Outlet verwenden und ich kenne einige, die zwar gerne schreiben, aber in keiner Weise vorhaben, zu veröffentlichen. Hauptsache, es macht dich glücklich. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  4. Hallo Daniel,

    jetzt komme ich endlich dazu, hier zu kommentieren 😉

    Was für ein offener, mutiger Beitrag! Sehr bewundernswert, ganz ehrlich.
    Einiges kenne ich von mir selbst, dein Online-Spiel Verhalten zum Beispiel. Ich bin genauso. Eine gewisse Unsicherheit in allem kenne ich von mir selbst. Ein normales Maß an Selbstvertauen besitze ich auch nicht, aber bei mir ist kein Lehrer daran schuld.

    Du hast einen schweren Weg hinter dir, umso mehr Respekt habe ich dafür, dass du diesen Blog betreibst und noch dazu YouTube Videos veröffentlichst! Das könnte ich einfach nicht. Dein Herzklopfen verstehe ich nur zu gut, aber du bist mutig, sehr sogar!

    Was das Schreiben betrifft, sind es nicht nur Buchhändler, die es gerne möchten! Deine kleine Geschichte muss ich noch lesen 😉

    Ganz liebe Grüße
    Janice

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  5. Ich finde dich ebenfalls sehr mutig und lese sehr gerne bei dir, weil ich deinen Schreibstil sehr mag.
    Mir hilft durch schwere Zeiten immer so eine Art Urvertrauen, dass schon alles so richtig ist wie es kommt, auch wenn man es oft nicht gleich sieht. Bei dir das Burnout, vordergründig eine Katastrophe, im Nachhinein eine Weiche zum für dich richtigen Job. Dieses Vertrauen ist nicht immer leicht aufrecht zu halten, aber man kann dran arbeiten 🙂
    Liebe Grüße von Alruna

    Gefällt 1 Person

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