Sag es deutlich.

Kopfschmerzen

Sie spricht überdeutlich. So deutlich, dass man sich nicht einmal mehr sicher ist, dass die Dialektalen Einschließungen in der Sprache echt sind. Wer ein Verschleifen einzelner Buchstaben stets nach exakt dem gleichen Muster wiederholt, der scheint nicht frei zu sprechen; mehr einem Skript zu folgen. Und genau so spricht sie. Das nur vorweg.

Ich finde Dich.

Die grauhaarige Dame sitzt an einem der kleinen, kreisrunden Tische mit weißer Marmorplatte. Vor ihr steht eine Tasse Kaffee, auf dem Untersetzer liegt ein Keks in roter Plastikhülle. Sie legt den Löffel, den sie in ihrer Hand gehalten hatte, neben die Tasse und lässt, während sie einen Schluck nimmt, ihre Augen den Raum absuchen. Wir wissen nicht genau, was sie vor hat – doch alles was sie tut wirkt, als suche sie etwas. Etwas oder jemanden.

Ihr Blick fällt auf den Buchhändler, der ahnungslos hinter seiner Kasse versteckt versucht den Kunden auszuweichen. Er ist zwar nicht gerade scheu wie ein Reh, hält aber mit seiner Extrovertiertheit so gut haus wie sonst nur die Versicherung mit dem Geld, das einem zusteht. Wie der Lichtkegel eines Leuchtturms verschiebt sich die Zone der Gefahr; jener Umkreis, den die Frau ihr Blickfeld nennt. Und dann treffen ihre Blicke aufeinander.

Die Augen weit aufgerissen, den Mund zu einem Lächeln verziehend und die Tasse auf den Untersetzer knallend gibt sie zu erkennen, dass ‚es‘ gefunden hatte. Die ebenfalls weit aufgerissenen, ja geradezu schreckgeweiteten Augen des Buchhändlers treten aus ihren Höhlen, während sich auch sein Mund verzieht – zu einer Grimasse nackter Angst. Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Er mag nicht gerade zum Jäger taugen – doch seine Erfahrungen mit Kunden lehren ihn, dass diese Situation unweigerlich eskalieren und seinen ohnehin hohen Verbrauch von Kopfschmerzmedikamenten weiter in die Höhe treiben wird.

Noch während er panisch nach etwas sucht, das ihn ‚beschäftigt‘ aussehen lässt, hört er sie sprechen. Diese Aneinanderreihung überbetonter Worte reißen und zerren an seinen Nerven wie sonst nur die Bücher von Frank Schirrmacher am gesunden Menschenverstand.

Attacke.

„Wissen Sie, dass ich erst jetzt lesen lerne?“, fragt sie. Auf eine Antwort wartet sie nicht. „Ich meine so richtig lesen? Heute ist ein denkwürdiger Tag, wissen Sie? Ich meine … wenn man die Quersumme meines Namens nimmt, nach jüdischer Methode und ich bin Jüdin, dann ergibt das 24. Der meiner Tochter ergibt 38. Und der meines Vaters 81. Welches Sternzeichen sind sie?“

„Äh.“

„Na jedenfalls 24. Und ich habe in 24 Tagen Geburtstag, wissen Sie? Und jetzt, 24 Tage vor meinem 70sten Geburtstag, lerne ich richtig lesen. Ich habe mich immer für Literatur interessiert, aber nie die Zeit dazu gehabt. […]

Während nun ein etwa zehnminütiger Vortrag über das Judentum, eine kaputte Ehe, Kinder, Kernobst und den Weltfrieden aus der Perspektive gehbehinderter Zwergschimpansen beginnt über den Buchhändler hereinzubrechen, verkrümeln sich seine Kollegen an vermeintlich sichere Orte. Erst, als seine Ohren zu Schmerzen beginnen, und er sachte darauf hinweist, dass der Kunde, der geduldig vor der Kasse steht und ihn mitleidig ansieht, vielleicht gerne ein Buch erwerben möchte, scheint sich der Lichtkegel erneut zu bewegen.

Sidestep.

„Sie kaufen ein Buch?“

„Äh.“

„Das finde ich toll. Wissen Sie – ICH lerne gerade erst zu lesen. Also RICHTIG zu lesen. Ich bin […] denn wissen Sie […] denkwürdiger Tag […] meine Mutter […] Hummeln deshalb nicht in den Salat.“

Irgendwann – etwa zwanzig Minuten später – erkennt der Buchhändler, dass der in die Fänge der Dame geratene Kunde überlegt seinen plötzlichen Herz-Tot vorzutäuschen, nur um fliehen zu können. Er sammelt sich. Er nimmt eine Kopfschmerztablette. Er lenkt die „Aggro“, wie Gamer sagen, auf sich und spielt „Tank“ für den Rest der Welt.

In einem riskanten Manöver fragt er, ob er noch weiterhelfen könne. Die Zehntelsekunde, von der Frau dazu benutzt ihren Kopf in seine Richtung zu drehen, nutzt der Kunde. Er wirft dem Buchhändler einen so dankbaren wie schadenfrohen Blick zu und türmt. Legenden behaupten, dass er dabei schnell genug gewesen wäre, um neben den einzelnen Atombestandteilen im Teilchenbeschleuniger von Cern hätte laufen können, und neben seinen Notizen über diese noch ein paar Skizzen anfertigen hätte können.

Vorzeitig abgebrochen.

Nun … ich könnte diese Geschichte noch endlos fortsetzen. Ich habe genug Material dafür – denn die grauhaarige Dame mit der übertrieben deutlichen Sprache war insgesamt über 4 Stunden bei mir. Aber ich bin sicher, dass Gandhi (so wenig ich vom Ergebnis seiner Bemühen halte war er doch ein geduldiger Mann, wie wir wissen) Stolz auf mich gewesen wäre. Ich werde an dieser Stelle jedoch abbrechen, denn ich bin (als alter Fan von Stephen King) schwer der Meinung, dass Horror-Stories in Bücher gehören – und nicht in Erlebnisberichte. 🙂

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9 Kommentare zu “Sag es deutlich.”

  1. 😯 ! Der blanke Horror und eigentlich will man ja höflich bleiben…
    Ich rolle immer mit den Augen, wenn die ganz jungen Menschen sagen „ich will unbedingt was machen, wo man mit Menschen zu tun hat“ , ja klar, aber aussuchen müsste man sie sich können 😉 !
    Liebe Grüße Anja

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  2. Sowas kann ich ja leiden.. Also ich kann verstehen das Menschen sich Gesprächspartner suchen, wenn sie sie privat nicht finden, aber die sollen doch echt die Leute bei der Arbeit einfach nicht nerven.. Ehrlich.. da hätte sie sich ne Selbsthilfegruppe suchen können und da würde das zu deren Arbeit und Freizeit gehören zu quatschen bis ins Endlose.

    Liebe Grüße,
    Sarah

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  3. Ich kenne solche Wiederholungen in Endlosschleife von meiner eigenen Oma und verleihe hiermit einen Durchhalteorden.

    Auf der anderen Seite ist es traurig, dass die alte Dame fremde Menschen mit ihren Geschichten belästigen muss. Eigentlich sollten ihre Enkel der Gesellschaft diese Last abnehmen (müssen). 😉

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    1. Stimme grundsätzlich zu. Im Laufe des Gesprächs kam auch ihre große Angst vor dem Tod heraus, der sie offenbar schwer beschäftigte. Und das kann ich gut nachvollziehen.

      Ihre Enkel hat sie auch erwähnt – und, dass die nicht so viel sprechen, wie sie das gerne hätte. 😀

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  4. Jaja, die lieben Kunden. Man könnte so schön arbeiten, wenn es sie nicht gäbe ;). Davon kann ich auch ein Lied singen aber das lasse ich zum Wohle der Menschheit lieber sein.

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