Und nicht einmal der Regen fällt.

Farewell, Jeronimo

Ich will Euch nicht deprimieren. Aber heute möchte ich über etwas schreiben, das mich mitgenommen hat. Etwas, das mich berührt hat, weil das Bild hinter dem Bild so hässlich ist. Weil das, wofür es steht, nicht weniger ist als eine Warnung. Eine, die niemand hören will. Und ich schreibe es auf, weil ich nichts derartiges noch einmal erzählt bekommen oder erzählen können möchte.

Tristesse.

Es ist nicht kalt oder warm. Es ist nicht sonnig oder regnerisch. Es ist, wie es ist. Und der Himmel hat nicht einmal den Anstand seinen Wolken einige Regentropfen abzupressen.

Er ist bedeckt, die Sonne hinter einem schmutzigen grauen Schleier verborgen. Wenige Strahlen kämpfen sich bis nach unten durch, werden dort von einigen schlammigen Wasserlachen reflektiert. Sie scheinen auf vom Winter verunstaltete Grasflächen und Pfützen, in denen sich die kahlen, blätterlose Bäume spiegeln. Überall ragen plumpe, steinerne Tafeln aus dem Boden. Lieblos in die Erde gerammt stehen sie da. Auf allen steht, neben einem Namen, ein Datum.

Fünf Menschen stehen um einen solchen Stein herum. Als eine Digitaluhr zwei Mal zur vollen Stunde piept, tritt einer der vier anwesenden Männer einen Schritt auf die drei Trauergäste zu. Er trägt einen abgewetzten Anzug über einem sauberen weißen Hemd. Die schwarze Krawatte wölbt sich über seinem Bauch. Der andere Anzugträger steht ein wenig abseits, wartet auf das Ende der Zeremonie um mit seiner Pflicht beginnen zu können. Neben ihm lehnt eine Schaufel an einem namenlosen Grabstein.

Der beleibte Mann räuspert sich kurz, verleiht damit seinen folgenden Worten einen offizielleren Anstrich. Seine Stimme ist nicht rau oder warm. Sie ist nicht mitleidig oder mechanisch. Sie ist, wie sie ist. Und die Worte, die er wählt, sind so allgemein gehalten, dass sie für jeden gelten könnten, der aus dem Leben scheidet.

Die einzige Frau dieser Gruppe hakt sich bei ihrem Ehemann unter. In ihren Augen stehen keine Tränen, obwohl sie traurig ist. Sie beobachtet den Redner, der so verstohlen wie möglich einen Blick auf den frischen Grabstein wirft, weil er den Namen des Verstorbenen vergessen hat. Dann fährt er fort.

Am Vortag hatte sie eilig alle ihre Geschäftspartner, die ebenso Kunden des Verstorbenen gewesen waren, angerufen und sie über das Begräbnis informiert. Ein einziger Tag, das war ihr bewusst gewesen, reichte für keinen aus um sich frei zu machen. Frei dafür, einem Menschen das letzte Geleit zu geben; sich noch einmal mit ihm und dem, wofür er gestanden hatte, zu beschäftigen. Es war zu spät gewesen – doch sie hatte es selbst erst kurz zuvor erfahren.

Wie ihr Mann, und der Trauergast neben ihm, war sie eine Arbeitskollegin des Verblichenen gewesen. Sie ruft sich das Gesicht des Toten noch einmal ins Gedächtnis, den sie viel zu wenig gekannt hatte, gab sich Mühe sich an den Menschen, der hinter seinem immer freundlichen Lächeln gestanden hatte zu erinnern.

Er war der Inbegriff des Wortes „arbeitsam“ gewesen, hatte Morgens Bücher und Abends Zeitschriften mit seinem Wagen zu den Buchhandlungen und Zeitungsständen dieser Stadt transportiert. Dazwischen hatte er geschlafen.

Vor etwa einem Jahr war seine Lebensgefährtin verstorben. Der Krebs, den sie bezwungen zu haben glaubte, hatte sie schließlich doch noch besiegt. Seine eigene Krankheit, ebenfalls Krebs, hatte sich heftiger manifestiert, hatte ihn nur wenige Monate vor seiner Pensionierung dazu gezwungen sich in ein Krankenhaus zu begeben. Schließlich fiel er ins Koma und starb, nur wenig später.

Sie schüttelt sich. Der Gedanke, dass das letzte, was er in seinen letzten Tagen zu sehen bekommen hatte, die Decke eines Krankenhauszimmers war – nicht das Gesicht eines lieben Menschen  – verursacht ein Schaudern.

Der Notar spricht seine letzten Worte und ordnet seine schwarze Krawatte. Dann piept die Uhr noch einmal. Fünf Minuten sind um. Fünf Minuten. Bevor er sich zum Gehen umwendet schüttelt er noch einmal jedem die Hand. Als sich sein und der Blick der Frau kreuzen, beteuert er, dass er alles versucht habe um irgendeinen Verwandten des Verstorbenen aufzutreiben – vergeblich. Sie glaubt ihm und verlässt nun selbst, gemeinsam mit ihrem Mann und dem Arbeitskollegen, den Friedhof.

Das ist also ein „Armenbegräbnis“, denkt sie. Dieses Wort stößt ihr sauer auf. Ja, er war arm gewesen. Ob er Geld gehabt hatte oder nicht. Dieser Mann war arm gewesen, weil drei Arbeitskollegen, ein Friedhofsangestellter und ein Notar die einzigen gewesen waren, die an seinem Grab gestanden hatten, als er seinen letzten Weg ging.


Um meiner selbst Willen hoffe ich, dass an meinem Grab einmal jemand weint. Nicht, weil ich die Tränen meiner Freunde und Verwandten, besonders meiner Kinder und vielleicht Enkel, sehen möchte – ich werde das dann ohnehin nicht mehr können. Nein. Ich hoffe es, weil ich mir diese Tränen verdient haben will. Einsam will ich nicht sterben. Und noch weniger will ich einsam leben.

Farewell, „Jeronimo“.

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6 Kommentare zu „Und nicht einmal der Regen fällt.“

  1. Ein sehr berührender Blogpost.
    Es ist eine sehr bedrückende Vorstellung, beim Sterben oder überhaupt im Alter hilflos und allein zu sein. Übrig bleiben, wenn Partner und Freunde schon gestorben sind und auch keine Familie mehr übrig ist. Das möchte wohl niemand.
    Hoffen wir, dass wir in liebevolle Augen blicken dürfen und uns jemand die Hand hält, wenn wir hinübergehen.

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  2. Das geht mir zu Herzen und einsam sterben möchte ich auch nicht, da sollte jemand sein, der mir die Hand hält, wenn ich gehen muß ….etwas vertrautes und nach Möglichkeit eine vertraute Umgebung ♥

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  3. Sehr berührend und sehr gut und anschaulich geschrieben.
    Ich kann deinen Wunsch nachvollziehen, denn ähnlich denke ich auch seit dem Ableben meines geliebten Vatis. Ich weine an seinem Grab selbst jetzt noch…
    lg Alex

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  4. Diese Beerdigung und Dein Text sind bedrückend. Aber schlimmer noch als das Begräbnis muss die Zeit im Krankenhaus gewesen sein. Ich wünsche jedem Menschen, jemanden Vertrauten an die Seite, der ihn in so einer Situation beistehen kann. Was nützen die Tränen auf dem Friedhof? Ein Lächeln zu Lebzeiten wäre mir unendlich wichtiger.

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