Rezension: Zeitfuge

Countdown läuft…

zeitfuge
Sullivans Vision der Zukunft ist fantasy-voll.

Michael J. Sullivan schreibt eigentlich keine Science-Fiction. Er schreibt Fantasy. Gut … das zeigt sich auch bei ‚Zeitfuge‘. Dass das aber nicht unbedingt schlecht ist, zeigt er uns.

Stellt Euch vor, Ihr könntet mit einer Rakete quasi eine ‚Runde um den Block‘ drehen. Mit Lichtgeschwindigkeit. Muss nicht besonders weit hinaus gehen, damit ihr einen Effekt spürt. Oder viel mehr: Damit Ihr die Folgen seht.

Denn eine Rückkehr zu Erde würde sehr bald eines zeigen. Falten auf den Gesichtern Eurer Kinder – und einige vertraute Gesichter weniger.

Ja warum denn das?

Warum das so ist hat Einstein vor langer Zeit erläutert – und auch, wenn wir heute wissen, dass er sich in mancherlei Hinsicht geirrt hat (zB im Bezug auf seine Beurteilung der Quantenmechanik), so müssen wir unsere GPS-Satelliten trotzdem so einstellen, dass sie den bei ihnen schon auftretenden, oben beschriebenen Effekt ausgleichen. Ja – das geht auch mit weniger als Lichtgeschwindigkeit. Aber eigentlich will ich das ja alles nur als eine Art ‚Prélude‘ erzählen.

Es geht mir nämlich eigentlich um eine ganz andere Sache: Die Rakete könnte man als Zeitmaschine verstehen. Eine Zeitmaschine ohne Rückwärtsgang allerdings – egal ob Ihr 88 Meilen in der Stunde fahrt oder mehr. Ihr würdet einfach in der Zukunft landen.

Genau das passiert dem Protagonisten in ‚Zeitfuge‘. Nur statt einer Rakete baut er sich eine Maschine dafür.

Vorwärts! Rückwärts geht nämlich nicht…

Wer an dieser Stelle erwartet, dass ich von Aliens, Cyborgs oder Raumschiffen spreche, der fehlt. Denn diese Dinge fehlen. Vielmehr landen wir in einer Zeit mehrere tausend Jahre in der Zukunft. Die Menschheit hat vieles überwinden müssen – unter anderem sich selbst. Denn was auf dem Planeten so unter dem Markennamen ‚Mensch‘ keucht und fleucht, hat mit uns nur noch rudimentär zu tun.

Vielmehr handelt es sich um eine optimierte, korrigierte und gleichgeschaltete Variante unserer Spezies, deren Geschlechtsteile aus dem Hause Mattel stammen könnten (‚Barbie‘ und ‚Ken‘). Und deren Kleidungsgeschmack nur dann noch schlimmer ausfiele, würden sie tatsächlich das tragen, was in den Modenschauen unserer Zeit präsentiert wird. Wie auch immer … ansonsten leben sie in beinahe perfekter Harmonie: Kriege gibt’s nicht mehr. Krankheit und Tod wurden weggezüchtet. Individualität ist nur mehr schwer zu erreichen.

Gut: jeder tut nur mehr, was ihm gefällt. Schlecht: dasselbe. Ordnung durch Harmonie ist etwas, das nur solange funktioniert, wie von außen kein Ungleichgewicht erzeugt wird. Doch als eben dieses dem Protagonisten durch die Zeiten folgt, gerät alles ins Wanken. Alles. Auch die Überzeugungen des Protagonisten.

Fazit

Ich habe die ‚Zeitfuge‘ außerordentlich gerne gelesen. Obwohl sie nicht besonders rasant sondern, eher im Gegenteil, fröhlich vor sich hin plätschert, hat sie mich nicht losgelassen. Die Welt war stimmig aufgebaut und gut durchdacht, der Protagonist vielleicht nicht unbedingt die tiefgründigste Figur und gegen Ende hat Michael J. Sullivan ein wenig dick aufgetragen (um den Bogen zurück zum Anfang der Geschichte zu spannen). Besonders haben es mir Vor- und Nachwort angetan.

In ersterem erwähnt der Autor, dass es sich nicht im engeren Sinne um SciFi handelt, sondern vielmehr um Fantasy in der Zukunft. Das hat mir gefallen, denn er hatte nicht nur recht, sondern hat so gleich die Rahmenbedingungen abgesteckt. Im Nachwort erzählt er ein wenig darüber, wie das Buch entstand; und selbst das fand ich toll. Vermutlich, weil es einfach nach Ehrlichkeit duftet. 😀

Also: Lest es. Und seht über die dick aufgetragenen (und manchmal vielleicht ein wenig moralinsauren) Stellen hinweg!


Das Hintergrundbild im Titelbild wurde hier heruntergeladen. Es befindet sich in der Public Domain.

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2 Kommentare zu “Rezension: Zeitfuge”

  1. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ das hätte Walter Ulbricht gefallen. ^^ Mit der Zeitfuge habe ich schon geliebäugelt. Die Idee mit der Gleichschaltung unserer Kultur und Präferenzen kam mir aus „Schöne neue Welt“ schon bekannt vor. Danke für die Rezension! Kann mir jetzt ein bisschen mehr darunter vorstellen.

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