Rezension: Die dunklen Gassen des Himmels

Vorwort

Das deutsche Cover ist sensationell gut gelungen.
Das deutsche Cover ist sensationell gut gelungen.

Tad Williams ist bei seinen Fans vor allem für seine dichte Erzählweise und seinen einzigartigen Humor bekannt. Mit ‚Die dunklen Gassen des Himmels‘ macht er sich über nichts weniger her als über die Seelen seiner Leser. Lesenswert? Seht selbst…

Sie kennen sie selbstverständlich auch: Kinderzeichnungen von geflügelten Menschen. Sie wissen schon. ‚Engel‘. Die mit merkwürdigem Musikgeschmack ausgestatteten Produzenten von Kartenspielen und Wundercremés auf ‚AstroTV‘. Ach … lassen wir das.

In Wirklichkeit haben nämlich weder die Kinderzeichnungen noch die Wundercremés und noch nicht einmal die (oft unbestritten schönen) Darstellungen auf Kirchenfenstern viel mit der Realität zu tun. Warum? Das lässt uns Tad Williams in ‚Die dunklen Gassen des Himmels‘ wissen.

Die eigene Biographie als Verhandlungsgegenstand

Dort erfahren wir nämlich, dass der Tod in Wirklichkeit nur so etwas wie der Wechsel in eine Freiluft-Gerichtsverhandlung ist – und das Erscheinen eines ‚Engels‘ weit weniger bedeutet, dass wir uns hinsichtlich unseres in der Ewigkeit zu erwartenden Komforts in Sicherheit wiegen können. Es bedeutet lediglich, dass wir uns besser schnell eine Erklärung dafür einfallen lassen, warum wir als Kind einmal Omas Geldbörse ein wenig erleichtert haben. Oder aus welchem Grund wir das Loch in der Wand der Umkleidekabine dazu benutzten das andere Geschlecht einer optischen Begutachtung zu unterziehen.

Jedenfalls ist der Engel zurecht nicht mit Lichtschwert, Flügeln und Heiligenschein, sondern vielmehr mit Anzug, Krawatte und einer Menge Erfahrung in Sachen Ausreden bewaffnet. Kurz nach unserem Ableben findet nämlich das jüngste Gericht tatsächlich statt, und der Richter hört sich die Argumente des verteidigenden Engels genauso an wie jene des Anklägers aus der etwas tiefer südlich gelegenen Fraktion.

Hört sich nicht so aufregend an? Tja. Ist eine Standpunktfrage. Tatsächlich kommt es nämlich ganz darauf an, ob man am Ende nämlich, wenn der Richter abzieht, neben dem Ankläger oder Engel steht. In ersterem Fall ist das danach bestimmt weit aufregender als im zweiten. Warum das so ist, will ich hier aber nicht verraten. Das muss schon selbst gelesen werden. Nur so viel: Die Engel sind ganz meiner Meinung.

Ein harter Kerl

Besonders jener Engel übrigens, um den es in ‚Die dunklen Gassen des Himmels‘ geht. Denn der ist als Anwalt zwar erfolgreich, kann aber ansonsten mit dem ganzen Ave-Maria-Gedöns nur wenig anfangen. Er ist mehr so der Silberkugel-in-Dämonenkopf-Versenk-Typ. Eine mehr oder weniger schlechte Angewohnheit; denn seine Vorgesetzten sind von seinen Methoden nur in Ausnahmefällen begeistert. Naja. Bisher gab’s solche Ausnahmen jedenfalls nicht.

Aber wissen Sie, was besonders schlecht ist, wenn man schon so einen schlechten Stand hat? Wenn dann plötzlich der Angeklagte die Frechheit besitzt, zu seinem eigenen Tod nicht aufzukreuzen. Gut … wenigstens ist das für den Verteidiger und den Ankläger gleichermaßen peinlich. Und für die diversen Vorgesetzten. Und das Universum. Und Gott. Naja. Kein Wunder also, dass sich Himmel und Hölle in Bewegung setzen um die (in der Folge immer häufiger verschwindenden) menschlichen Seelen zu finden.

Fazit

Tad Williams dosiert seinen bissigen Humor sensationell präzise, während er die völlig abstruse Geschichte erzählt. Man merkt ihm an, dass er ein Meister seines Fachs ist, der nicht nur spannende Charaktere und aufregende Plots, sondern vielmehr ganze Welten und Universen entwerfen kann. Denn während sich sein Held durch Erde, Himmel und alles dazwischen pöbelt, lernen wir seine ruppige Art lieben.

Also: Lesen, wenn Ihr einen kleinen Spoiler im Bezug auf Euer Ableben vertragen könnt! 😀

Die dunklen Gassen des Himmels | Tad Williams | 978-3608938340 | (D) € 22.95 | (A) € 23.60


Das Hintergrundbild des Titelbildes wurde hier heruntergeladen. Es befindet sich in der Public Domain.

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2 Kommentare zu “Rezension: Die dunklen Gassen des Himmels”

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