Rezension: Das Lied des Eisdrachen

Vorwort

'Ardara und der Eisdrache' in neuem Gewand
‚Adara und der Eisdrache‘ in neuem Gewand

Ein Kinderbuch von einem Erfolgsautor, der für seine Brutalitäten genauso bekannt ist wie für seine gelegentlichen Überschreitungen von (oft zu engen) Grenzen. Aber kann jemand, der ‚Game of Thrones‘ erschafft, auch Kinderliteratur schreiben? Ich möchte hier eine Antwort geben.

George R R Martin, der ältere Herr mit Mütze, kann schreiben. Soweit so gut. Aber was heißt das?

Dass er mit seinen Büchern Erwachsene unterhalten kann, hat er mehrfach bewiesen. Science Fiction, Fantasy oder Superhelden-Stories: Wo der Mann mit Bart und prägnanter Mütze in die Tasten haut, da ist der Erfolg nicht weit.

Selbst, wenn er seitenlang über Mahlzeiten unter den schlimmsten Bedingungen schreibt vergeben wir ihn. Obwohl er unsere Helden sterben lässt wie ein gut platzierter Hieb mit der Fliegenklatsche lästige Insekten. Das alles wissen wir.

Aber wie sieht es mit seiner Kinderliteratur aus?

Ein Wintermädchen

Tod. Krieg. Flucht. Gezeigt - aber mit einer Menge Feingefühl.
Tod. Krieg. Flucht. Gezeigt – aber mit einer Menge Feingefühl.

Das Lied des Eisdrachen, vor einigen Jahren schon einmal unter dem Titel Adara und der Eisdrache erschienen, ist die Geschichte der kleinen Adara.

Anders als andere Kinder – ihre Geschwister miteingeschlossen – turnt sie im Sommer nicht über die Wiesen und Heiden des weitläufigen Landes. Nein. Sie wartet auf den Winter, auf die Kälte. Denn mit der Kälte kommen die wundersamen Eisdrachen.

Schnee. Eis. Das ist woraus die Eisdrachen gemacht sind. Ihre stumme, beeindruckende Präsenz jagt selbst gestandenen Drachenreitern, des Königs schlagkräftigste Truppe, Angst ein. Ja, selbst ihnen, die im andauernden Krieg gegen den schier übermächtigen Gegner ihren Mut immer wieder unter Beweis stellen. Immer und immer wieder – auch dann noch, als der Krieg sein widerwärtiges, hässlich grinsendes Gesicht in Adaras Heimat zeigt und alle anderen längst Reißaus genommen haben.

Doch es gibt ein Geheimnis, das Adara mit niemandem teilt. Etwas, das selbst ihrer eigenen Familie völlig unverständlich wäre: Adara kann mit den Geschöpfen der Kälte umgehen. Und zu diesen gehört auch die schillernd weiße Pracht der stummen Drachen.

Die Antwort auf die Frage ‚ob‘

Ja, George R R Martin kann auch Kinderbücher schreiben. Dass er Krieg, Tod und das hässliche Antlitz von Leid und Verderben in ein Kinderbuch einfließen lässt mag vielleicht nicht jedermanns Sache sein. Fest steht, dass er das auf eine schwer beschreibliche, einfühlsame und feinfühlige Art und Weise tut. In diesem Punkt ähnelt seine Erzählung vielleicht den Geschichten, die Astrid Lindgren manchmal erzählt hat. Den Brüdern Löwenherz. Mio. Wo auch immer der kalte Pesthauch der Verwüstung in ihre Welten Einzug gehalten hat.

Nein, dieses Buch würde ich nicht allen Kindern in die Hand drücken. Manche Kinder könnten mit der expliziten Erwähnung (und stellenweisen durch Bilder untermalten Schilderungen) von Krieg und Tod überfordert sein. Andererseits thematisiert George R R Martin hier auf wenigen Seiten etwas, das trauriger Weise seine Entsprechung im Hier und Jetzt, also in der Lebenswelt unserer Kinder und auch uns selbst findet.

Denn wo Krieg ist, da ist die Flucht. Und diese ist es schließlich, die in ‚Das Lied des Eisdrachen‘ thematisiert wird. Sie ist die Triebfeder der Geschichte, steht dabei allerdings nie plump im Vordergrund sondern schwebt über ihr. Erst wie eine Drohung, dann wie eine richtige Entscheidung, die noch nicht getroffen wurde.

Kinder erhalten mit dieser Erzählung eine Chance zu sehen, wie das Getrieben-Sein und das Getrieben-Werden entstehen. Sie erleben mit, wie eine Weigerung die Heimat zu verlassen und sich dem Tross der Flüchtenden anzuschließen oft zu noch mehr Elend führt. Und, dass die Flucht manchmal der einzige Ausweg ist. Auch dann, wenn niemand sie antreten möchte.

Fazit

Dieses Buch ist nicht einfach – aber es lohnt sich es zu lesen. Als Kind. Als Erwachsener. Und, ganz besonders, als Erwachsener mit Kind. Gemeinsam.

Wichtig ist, dass es als eine Chance verstanden wird, ein Kind sanft an diese (schrecklichen) Gegebenheiten heranzuführen. Es ist kein Dampfhammer, mit dem Kindern zum Preis von Existenzängsten die raue Realität vor das viel zu junge Gesicht genagelt wird. Vielmehr ist es eine schöne Erzählung, die es nicht hilflos, sondern bestenfalls verständnisvoller zurück lässt.


Das Hintergrundbild im Titelbild wurde hier heruntergeladen. Es befindet sich in der Public Domain.

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7 Kommentare zu “Rezension: Das Lied des Eisdrachen”

  1. Wow, was für eine einfühlsame und schöne Rezension! Eigentlich bin ich kein großer Fan von George R. R. Martin und finde seinen Stil etwas hölzern. Aber hier überzeugt die Message! Und gerade darin sehe ich den „Nutzen“ der Fantasyliteratur (danke für den Lindgren-Vergleich!). Man kann Kindern schwierige Themen nahebringen, sie verstehen vieles sehr intuitiv und machen sich ihre eigenen Gedanken.

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    1. Das definitiv, ja. 🙂

      Manchmal ist es regelrecht verblüffend, was da am Ende rauskommt. In diesem Fall würde ich aber sehr dazu raten zumindest die Brücke zu schlagen – für alle Fälle. 😉

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    1. Freut mich!

      Ich empfehle vor Allem, sich das Buch erst selbst anzusehen. Altersangaben mache ich deshalb so ungern, weil mir Kinder dazu viel zu unterschiedlich vorkommen. Mein Sohn hat es jetzt mit 7 gelesen; ich kenne aber auch siebenjährige, die das nicht verkraften würden.

      Generell glaube ich aber, dass 8 Jahre und zwei ältere Brüder optimale Voraussetzungen sind. 😉

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  2. das Buch haben wir natürlich schon seit einiger Zeit gelesen.
    Das ging auch zügig voran.
    Die Geschichte ist echt wunderbar….. lässt viel Raum für kindliche Fragen….. und perfekt um so manches zu erklären und für manche Diskussion.
    Die Zeichnungen haben uns sehr angetan. Sie sind einfach krass schön!
    Meine 8 jährige Tochter hat keine Mühe mit der Geschichte gehabt…… im gegenteil, sie hat ihr auch gut gefallen.

    Vielen Dank für die Buchempfehlung.
    liebe Grüsse, sonja

    Gefällt 1 Person

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