Rezension: Der Palast der Meere (Waringham #5)

Die Buchstaben-Suppe

derpalastdermeere
Die Farbwahl des Covers passt. Merkwürdiger Weise.

Bei vielen Autoren ist es so: Kennst Du ein Buch, kennst Du sie alle. Mal wechselt vielleicht die Szenerie, mal wechseln die Protagonisten ihr Geschlecht – aber in Wirklichkeit handelt es sich um verschiedene Inkarnationen der gleichen, abgedroschenen Stories. Ziemlich ähnlich könnte man auch ein Buch von Rebecca Gablé Rezensieren.

Ziemlich ähnlich, sagte ich. Allerdings keinesfalls gleich. Denn was bei anderen Autoren wie fehlender Pep wirkt, ist bei Gablé das Salz in der Suppe.

Und obwohl sich so vieles ähnelt, liest sich ‚der Palast der Meere‘ nicht mehr, wie das erste Waringham-Buch. Zu viel Wasser ist seither die Themse hinunter gelaufen. Die Zeiten ändern sich eben. Und mit ihnen die Waringhams.

Eine Menge Geschichte

Ich habe sie alle gelesen. Die Waringhams, die Durhams, den Helmsby und „Hiobs“ denkwürdige Truppe. Meine Erfahrung mit der Autorin reicht also vom 11. bis ins dräuende 17. Jahrhundert. An der Seite der genannten Protagonisten habe ich also eine Menge Zeiten erlebt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Von den martialischen Sitten eines unhinterfragt herrschenden Tyranns im 11. bis zu den vergleichsweise Harmlosen Grausamkeiten einer Königin im 16. Jahrhundert. Es hat sich viel verändert – nur die Klasse der Romane blieb die gleiche.

Die Schicksale der Waringhams und Durhams werden weiter miteinander verwoben, während Elisabeth I. über ein von allen Seiten bedrohtes Königreich herrscht. In Italien sitzt der eifersüchtige Papst, der nichts lieber tut als die ‚Ketzerin‘ zu denunzieren und ihre Feinde zu unterstützen. Die Spanier segeln über die Weltmeere und erbeuten Schätze, von denen die Engländer nur träumen können. Und zu guter letzt ist auch das nahe Schottland ferner, als man es wähnen möchte.

Yo-Ho!

John Hawkins. Freibeuter. Handelt mit Waringhams. Als Güter.
John Hawkins. Handelt mit Waringhams. Als Güter. – Bildnachweis

Da ist es kein Wunder, dass die ‚Freibeuter‘, Piraten von der Gnade der Königin, das Gleichgewicht zu Gunsten des kleinen Inselreiches wiederherstellen wollen. Natürlich nicht, ohne sich die eigenen Taschen zu füllen – aber immerhin auch das Säckel des Staates. Während auf dem Wasser Religion eine untergeordnete Rolle spielt, hat sie an Land zumindest den Charakter eines Morgensterns angenommen, der über den Köpfen der Menschen geschwungen die Einheit derselben empfindlich stört. Eine Waffe, deren todbringende Gewalt jeden Treffen könnte, schon bei der kleinsten, unbedachten Bewegung.

Die Waringhams stehen, schon aus Familientradition, vehement hinter der Königin. Der Earl of Waringham selbst, Francis, ist überzeugter Anhänger der von Elisabeths Vater gegründeten anglikanischen Kirche. Er ist ein guter Erhalter der in Waringham gegründeten Schule und der berühmten Stallungen; aber neben der Geduld und Ignoranz in seiner Frömmigkeit scheint er mit keinerlei Gaben gesegnet. Ein Graus für seinen Bruder, Isaac of Waringham, der die Nachricht, er solle das ihm heimatliche London verlassen und zurück in die Familienbesitzungen auf dem Land wechseln nicht gerade gut aufnimmt. Statt sich diesem Wunsch seiner Familie zu unterwerfen, heuert er – über Umwege – als Matrose an.

Verglichen mit Isaac o. Waringham ganz passabel: Der Freibeuter F. Drake
Verglichen mit Isaac o. Waringham ganz passabel: Der Freibeuter F. Drake – Bildnachweis

Doch wie nicht anders zu erwarten wird schon seine erste Fahrt zu einem Fiasko – allerdings nicht für Mannschaft des Schiffs, sondern ausschließlich für ihn. Er wird in die Sklaverei verkauft, die zu diesem Zeitpunkt eines der lukrativsten Geschäfte ist.

Ja, auch wenn die Zeit der großen Schlachten im 16. Jahrhundert vorüber scheint: Der Wind der Kaltherzigkeit bläst noch immer durch die Geschichte.

Für uns Leser hat die Sache (mit Isaac Waringham) jedenfalls ein Gutes: Wir lernen Francis Drake kennen, den (später) berüchtigten Freibeuter Ihrer Majestät. Auch, wenn er hinter Isaac natürlich nur die zweite Kanone spielt.

Währenddessen an anderer Stelle…

Hatte es nicht leicht: Elisabeth I. Nicht im Bild: Das dritte Auge Eleanor. - Bildinformation
Hatte es nicht leicht: Elisabeth I. Nicht im Bild: Das dritte Auge Eleanor. – Bildnachweis

Tja … untypisch fern der Hauptstadt, wo doch dort die Musik spielt – wird sich so mancher denken. Richtig. Aber auch hier schafft Rebecca Gablé Abhilfe, denn eine weitere große Rolle spielt Isaacs (und Francis‘) Schwester Eleanor. Sie hat eine Stellung als Hofdame und gilt als „Das Auge der Königin“. Als wichtige (oder vielleicht sogar wichtigste) Quelle für Gerüchte und allerlei nützlicher ‚Detailkenntnisse‘ verschafft sie Elisabeth I. einen gewissen Vorsprung in Sachen Handlungsfähigkeit. Denn mehr denn je ist es für das royale Oberhaupt Englands wichtig die Schritte der unmittelbaren Widersacher im im Vorhinein zu kennen.

Während sie sich auf diese Weise quasi ‚um das Wohl der Königin‘ sorgt, ist Gabriel Durham, Sprößling einer uns gut bekannten Familie von Londoner Pfeffersäcken (Der König der purpurnen Stadt), zu einem parallelen König aufgestiegen. Allerdings einer von der Sorte, die einen versteckten Dolch einer gut sichtbaren Krone auf dem Haupt vorzieht.

Und weil die Spionin der Königin und der König der Diebe (ich hätte jetzt so viel lieber Spione geschrieben!) oft zwangsläufig in den selben Kreisen verkehren, begegnen sie einander. Die Anziehungskraft des jeweils anderen ist ein Sog, dem sie nicht widerstehen können – und so kommt es, dass sie sich ineinander verlieben. Es ist eine Liebe, die über lange Zeit währt und selbst die widrigen Umstände mit Bravour meistert.

Gen Ende hin kopflos: Maria Stuart - Bildnachweis
Gen Ende hin kopflos: Maria Stuart – Bildnachweis

Durch die Augen des Auges (endlich – eine Wortwiederholung mit Sinn²!) lernen wie aber nicht nur die Unterwelt kennen, sondern vor Allem auch Elisabeth I., auf die sie großen Einfluss ausübt. Außerdem lässt sie uns einen Blick auf deren schottische Verwandtschaft werfen, deren Geschichte selbst an Spannung nichts missen lässt.

Ihr ist eine ganze Passage im Leben der Eleanor gewidmet. Eine Passage, die sich schon alleine deshalb anbietet, weil wir auf diese Weise mehr darüber erfahren, wieso das Verhältnis der beiden Königinnen ein so kompliziertes war. Gut gemacht! 🙂

Fazit

Wieder einmal reißt Rebecca Gablé ihre Leser innerhalb weniger Seiten in einen Strudel aus Ereignissen, die zum Teil auf Fakten beruhen, und zum Teil die Lücken füllen, die diese Fakten lassen. Sie vermag es wie keine Andere die uns fremden Bräuche und Gegebenheiten beiläufig zu beschreiben, sodass man nicht das Gefühl hat einer gut gemachten Geschichtsstunde beizuwohnen; nein. Sie lässt uns Teil der Familiengeschichte werden. Oder vielmehr: Verschiedener Familiengeschichten. So freuen wir uns, wenn kleine Hinweise auf frühere Ereignisse ausreichen, um ganze Passagen aus anderen Büchern zu erinnern. Dadurch hat man das Gefühl mehr zu lesen als ein einziges Buch. Man fühlt sich, als hielte man ein weiteres Stück einer epischen Familienchronik in den Händen.

Ich kann den ‚Palast der Meere‘ natürlich nur empfehlen. Allerdings würde ich Neueinsteigern dringend raten, die anderen Waringham-Bücher (angefangen mit Das Lächeln der Fortuna) und vermutlich auch das Durham-Buch zu lesen. Oder auch Das zweite Königreich. Oder Hiobs Brüder. Ach … lest sie einfach alle. 😉

Übrigens sind nicht alle meine Rezensionen so lange! 😀


Weitere, lesenswerte Palast-der-Meere-Rezensionen:

  • Lecture Of Live
    Eine wunderbar differenzierte Rezension, der ich nahezu gänzlich zustimmen kann. Ich weiß nämlich nicht, ob’s erstmal genug ist. 😀
  • Dieckhoff
    Eine geradlinige, mit eigener Meinung durchsetzte Rezension, wie man sie gerne liest.
  • Klusi liest
    Hier gefällt mir besonders gut, dass sie die Unterschiede in der „Lebensart“ (ein Wort, das mir selbst leider nicht eingefallen ist, als ich die Rezension geschrieben habe…) herausstreicht. Ein wichtiger Punkt! 🙂
  • Eliza’s Bücherparadies
    Meine Rezension ist zu lang? Stimmt. Wer’s lieber kurz und knackig mag, ist hier gut aufgehoben.

Rebecca Gablé | Der Palast der Meere | 978-3-431-03926-9 | (D) € 26.00 | (A) € 26.80


Bildinformation: Das Hintergrundfoto im Titelbild wurde hier heruntergeladen. Es ist unter den Bedingungen der Creative commons attribution license verfügbar.

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2 Kommentare zu “Rezension: Der Palast der Meere (Waringham #5)”

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