Rezension: „Das Syndrom“ von John Scalzi

Vorwort: Die Beschränktheit der Dinge

Ist es ein Mensch? Oder ein Haden?
Ist es ein Mensch? Oder ein Haden?

Ich. Mag. Keine. Krimis.

Das einmal vorausgeschickt, und folglich als Kernaussage eines nie geschriebenen Absatzes aus dieser Rezension verbannt, kann ich nun voll und ganz darauf eingehen, warum ich „das Syndrom“ von John Scalzi trotzdem empfehle.

Warum töten Menschen? Nun … die Anzahl der möglichen Motive ist stark begrenzt. In der einen oder anderen Ausprägung stehen wohl entweder Habgier oder Wut zur Auswahl; nur in seltenen Fällen kommt der gerechte Zorn über denjenigen in Frage, der das Toilettenpapier aufgebraucht aber nicht nachgefüllt hat hinzu. Aus dieser Ecke ist also kaum je besondere Kreativität zu erwarten.

Wer tötet Menschen? Wer ermittelt? Auch das sind nur mäßig verstellbare Rädchen in der Maschine des Erfolgs. Ich persönlich kann saufende Ex-Bullen, geschiedene Streifenpolizisten und im persönlichen Umfeld ermittelnde Waschbären (oder Schafe; Schafe, verdammt…) nicht mehr sehen. Also erwarte ich mir auch von dieser Stelle nichts neues. Bei den Mördern sieht es nicht besser aus: Die Anzahl verschiedener Archetypen ist eben begrenzt.

Was bleibt also noch? Welche Stellschraube kann noch angezogen werden, um dem Leser etwas zu bieten? Genau. Der Schauplatz. Auch wenn in den letzten Jahren genau drei Schauplätze beackert wurden (USA, Schweden und irgendwo bei mir um die Ecke), gibt es nämlich allerorten Gelegenheiten Köpfe von Hälsen, Personen von ihrem Leben oder mich von einem Buch zu trennen. Und genau dieser Punkt ist es auch, der Scalzis Roman hervorhebt.

Die Story

Denn in John Scalzis Vision der Zukunft hat ein Virus, das „Haden-Syndrom“, unter den Menschen gewütet. Einige überstehen die Meningitis-ähnliche Krankheit unbeschadet, andere müssen mit groben Veränderungen in ihrem Gehirn leben und wiederum andere sind völlig in ihren eigenen Körper eingesperrt. Vor allem letztere sind es, die das SciFi in den Roman bringen – denn um sie nicht völlig sich selbst zu überlassen, wurden viele technische Neuerungen entwickelt. Die markanteste ist freilich die Art und weise, wie diese Menschen („Hadens“) mit ihrer Außenwelt interagieren: Sie können sich, gestützt durch Technologie in ihrem Gehirn, in menschen-förmige Roboter versetzen, die es ihnen ermöglichen sich in der realen Welt zu bewegen.

Alternativ dazu besteht für die Hadens außerdem noch die Welt der „Agora“; eine Art weiterentwickeltes Internet. Diese Welt ist für die Betroffenen oft so real, dass sie ihnen völlig ausreicht; sie wollen mit der physischen Welt eigentlich nichts mehr zu tun haben.

John Scalzi - vermutlich ein Selfie. :)
John Scalzi – vermutlich ein Selfie. 🙂 — Bildhinweis

Technologie ist allerdings teuer; und Technologie wie eben beschrieben ist das Superlativ davon.

Jeder, der schon einmal versehentlich einen Film über sein Handy gestreamt hat, während er unterwegs war, weiß, dass alleine das verbrauchte Datenvolumen eine Kostenlawine erzeugt. Wie also ist es möglich, dass die Hadens an derart ausgefeilte Spielzeuge wie die beschriebenen Roboter kommen? Und … was geschieht in der Zwischenzeit mit ihren Körpern?

Das „Haden“-Syndrom wurde nach der ehemaligen First-Lady der USA benannt; einem frühen und von der ganzen Nation verfolgbaren, tragischen Fall. Ihre Erkrankung erklärt vielleicht, wieso es gerade in einem Land mit derart unterentwickeltem Gemeinschaftssinn (wir sprechen hier von Gesundheitsversorgung) und Verantwortungsbewusstsein dazu kommen konnte, dass ausgerechnet der Staat die Versorgung dieser Menschen übernahm.

Was genau auch immer der Auslöser dafür war: Das schiere Ausmaß der Epidemie und die zu erwartenden Entwicklungs-, Bau- und Wartungskosten ließen einen Futtertrog entstehen, an dem sich so einige Protagonisten der Weltwirtschaft satt fressen durften.

Dieser Futtertrog wird abgebaut. Und dann geschieht ein Mord.

Fazit

Lest es, Leute. Vor allem, wenn ihr Krimis mögt aber mit SciFi nichts anfangen könnt. Ich glaube wirklich, dass dieses Buch zu einer Art „Völkerverständigung“ zwischen Lesern beider Genres führen könnte. 🙂

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