Eine Geschichte vom jungen Buchhändler und einer Beschwerde

Heute möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Und weil ich nicht weiß, wie ich beginnen soll, beginne ich mit einer Einleitung. So machen die das in den Büchern immer. Und die verkauft er ja schließlich. Sie verleiht sie. Nachdem sie die Bücher bei ihm gekauft hat. Oder seinem Kollegen. Doch ich will Euch nicht unnötig auf die Folter spannen. Hier kommt sie.

Eine Geschichte

Es war Freitag.

Der Buchhändler, von dem ich erzählen will, möchte lieber anonym bleiben – deshalb nenne ich ihn in unserer kurzen Geschichte nur „der Buchhändler“. Und damit man ihn von seinem Kollegen unterscheiden kann, der 25 Jahre älter ist, nennen wir ihn (aus Respekt vor eben jenem Kollegen, der die Berufsbezeichnung wohl einigermaßen länger verdient) sogar den „jungen Buchhändler“.

Dieser „junge Buchhändler“ jedenfalls ahnte nichts, als er um die Ecke ging. Er kam aus einem Nebenraum, in welchem sich eine geschätzte Tonne Kochbücher befand. Sauber in ein Regal geschlichtet, versteht sich. Sie waren schön anzusehen, in all ihren Farben, Formen und Geschmacksrichtungen.

Doch für derlei hatte der Buchhändler keine Zeit. Er ging, dienstbeflissen und so schnell er konnte, auf den Computerarbeitsplatz zu, der ihm den Dienst an seinen Kunden ermöglichen sollte. Doch diese Geschichte wäre keine, wenn jetzt nicht etwas unvorhergesehenes geschehen würde, oder? Also geschah es. Vor ihm stand eine Artverwandte. Ihr Beruf verhielt sich zu seinem wie eine Mandarine zu einer Orange: Jemand, der die Früchte nicht kannte, konnte sie auf den ersten Blick nicht unterscheiden. Doch für Eingeweihte lagen Welten dazwischen.

Vor ihm stand eine Bibliothekarin.

Die Beschwerde, der Adressat und der Dritte

Ihr schreibt nie zurück.„, sagte sie ohne jede Einleitung. „Immer wenn ich eine Liste schicke ignoriert Ihr mich, schreibt nicht zurück.

Verwirrung machte sich im Bewusstsein des jungen Buchhändlers breit. Sie zog von einer Gewissheit zur nächsten, verwirbelte sie und vernebelte den Blick auf jeden guten Konter. Was sagen? Er wusste es nicht.

Neben der Bibliothekarin stand der Buchhändler und schien auch nicht so recht zu wissen, was zu tun war. Seine Erfahrung allerdings legte ihm die Rutsche in die Gegenwart deutlich schneller als seinem jüngeren Kollegen.

Unsere werte Kundin meint, wir würden auf eMails nicht antworten.„, formulierte er das eigentliche Problem. Er wirkte ein wenig belustigt – wenn auch von der Situation selbst nicht begeistert. Ein Blick zu der neben ihm stehenden, nickenden Bibliothekarin reichte um festzustellen, dass der Buchhändler einfach nur froh war die Beschwerde nicht mehr alleine bearbeiten zu müssen.

Genau das meine ich. Ich schicke eMails, mit unseren Bestellungen, und Ihr schreibt nicht zurück. Wie soll ich denn wissen, dass unsere eMails ankommen?„, bekräftigte sie und hob die Augenbrauen. Legenden zufolge war das, was der junge Buchhändler nun zu sehen bekam, der sagenumwobene Blick des Oberlehrers, der gerade bewiesen hatte, dass sich zwei parallele Linien auf jeden Fall irgendwo kreuzen mussten. Für unseren Protagonisten wirkte es allerdings weit weniger imposant.

Verstehe.„, log er. War jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Erwiderung?, fragte er sich. Oder ließ man dem Kunden seinen Spaß, wenn er sich zu Unrecht aufregte?

Man sollte meinen„, fuhr die Bibliothekarin fort, „dass die Jugend – ja gerade die Jugend! – mit diesen ganzen eMails und so weiter, umgehen kann. Das scheint ja der Fall zu sein.“ Eine kurze Ruhepause trat ein. Die zu dünnen Schlitzen verengten Augen des Buchhändlers und der gut einstudierte, spontane Gesichtsausdruck kurz vor einem Wutanfall schienen Wirkung zu entfalten. Als sie weiter sprach tat sie es wie jemand, dessen Stimme man auf Band aufgenommen hatte und nun verlangsamt abspielte. „Aber die … Höflichkeits…äh…formen … passen halt … nicht.

Er starrte sie drei Sekunden lang an. Ohne etwas zu sagen, natürlich. In seinen Augen stand ein Satz, den ich nicht wiedergeben möchte, da ich fürchte die Gefühle meiner werten Leser zu verletzen. Oder Minderjährigen (die aus unerfindlichen Gründen bis hierher gelesen haben könnten) den Wortschatz zu erweitern. Wie auch immer. Sie verstand den Wink und wandte sich ab – sprach von ein paar wunderschönen Kochbüchern, die da um die Ecke standen.

Der junge Buchhändler nicht. Er freute sich über die bestandene Prüfung in Sachen „Selbstbeherrschung“. Ohne Ritalin.

Es war Mittwoch. (Zwei Tage davor)

Hey! Eine eMail von der Bibliothekarin. Ist vor zwei Minuten eingetroffen.„, sagte der junge Buchhändler. „Sie hat eine Liste geschickt und will wissen, wann Du das nächste Mal im Lande ist, weil sie die Abrechnung mit Dir durchgehen möchte. Soll ich Ihr gleich antworten, oder kümmerst Du Dich darum?„.

Hätte ich eine Kamera, und nicht nur ein paar lausige Buchstaben – ich würde sie nun recht krass schwenken. Ich stelle mir einen Effekt vor, der in Thrillern angewandt wird. In einer einzigen Bewegung wird dabei der Fokus von unserem jungen Buchhändler auf seinen erfahreneren Kollegen verlegt – und der Zoom würde noch ein Quäntchen Dramatik hinzufügen. Alles um ihn herum würde eine Spur dunkler werden, das Licht fiele von unten auf sein Gesicht, währen der die Augen ein wenig zusammenkneift und mit ruhiger, düsterer Stimme nur einen einzigen Satz sagt.

Nicht nötig. Ich schreibe Ihr gleich.

Dann käme die Abspannmusik. Irgendein Heavy-Metal.

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