Der Weihnachtsmann

Weihnachtsrummel – Der Wahnsinn in der Buchhandlung

Der Weihnachtsmann
Hat gut Lachen: Der Weihnachtsmann. Ist ja auch kein Buchhändler.

Irgendwo im Hinteren Bereich der Buchhandlung sitzt, vor einem kleinen runden Tisch, ein älterer Herr. Sein schwarzer Mantel ist mit ein wenig Wasser benetzt. Es stammt von geschmolzenen Flocken, die der Himmel sporadisch auf die Erde gespuckt hat – wenige Minuten, bevor er eingetreten war. In seiner schlaffen Hand hält er ein kleines, tragbares Radio. Es ist silber und hat eine Antenne, die bestimmt einen halben Meter lang ist und steil in die Höhe ragt. Ständig droht sein Kopf daran zu stoßen, wenn er wieder einmal nach vorne kippt.

Der Mann schläft. Seine Augen waren im zugefallen, kurz nachdem er den kleinen Radio eingeschalten konnte. Der schlecht eingestellte Sender rauscht wie das Meer – was dem Ton jedoch an Ruhe und Regelmäßigkeit fehlt, macht er an Lautstärke und Beständigkeit wett.

Ziemlich genau gegenüber gelegen, durch einen aus mehreren halbhohen Kästchen geformten „Tisch“ getrennt, auf dem sich die Bücher stapeln, telefoniert eine Frau. Sie ist Alkoholikerin – oder hat in ihrer Vergangenheit genug davon getrunken um als der Obelix der Punschtrinker in die Geschichte einzugehen. Während sie spricht, dröhnt die Stimme einer Frau für alle gut hörbar durch die Lautsprecher des Handys. Obwohl sich die Gesprächspartner mit „Mausi“ und „meine Liebe“ ansprechen, scheinen sie ständig ungleicher Meinung darüber zu sein, wann sie sich wo treffen.

Während sie zum siebten Mal versuchen sich gegenseitig „einzuladen“ (sprich: eine will die andere dazu bringen sich durch die Kälte zu ihr zu kämpfen) und es wie eine Ladung ins Weiße Haus aussehen zu lassen, schnarcht der ältere Mann laut genug, um eine geistig verwirrte Person dazu zu veranlassen ihren Namen zu ändern.

„Florian. Nein. Äh. Martin. Ja. Martin Müller. Bestellen Sie es auf Martin Müller.“, sagt der riesenhafte Mann zum Buchhändler. „Ich hole es bestimmt am Montag ab.“

„Haben Sie auch eine Telephonnummer?“, wird er gefragt. Der Buchhändler sucht offensichtlich nach einem Anker-Haken. Menschen, die so knapp vor Weihnachten bestellen, sind potenzielle Zech-Preller. Zumindest dann, wenn sie schon zum dritten Mal an diesem Tag vor dem Buchhändler stehen und von Kurt über Florian auf den Namen Martin wechseln.

Der Riese sieht sein Gegenüber misstrauisch an. „Nein.“, sagt er schließlich und scheint Opeus Dei hinter der Frage zu vermuten. „Ich … äh … habe kein Telephon.“

„Vielleicht eMail?“

„Nein. Auch nicht.“

Man einigt sich. Der Buchhändler will den Mann nur noch los werden. Im hinteren Eck des Raumes fällt ein kleines Radio zu Boden. Jemand hebt es geräuschvoll auf, schnarcht dann weiter.

In der Zwischenzeit, der Buchhändler betet insgeheim darum, dass die Person am anderen Ende des Telefon-Gesprächs die überzeugenderen Argumente hat, klettert ein etwa 5jähriges Mädchen auf eine Drehsäule, wirft einige teure Reiseführer zu Boden. Der (tatsächlich) gut bezahlte Akademiker, der daneben steht, reagiert nicht. Er ist auch nur ihr Vater.

Der Buchhändler ist inzwischen angemessen zerknirscht und bittet das Kind davon abzusehen einen Schaden in Höhe mehrerer hundert Euro zu verursachen. Vor Allem, weil der Vater zwar ein regelmäßiger Besucher der Bücher in der Buchhandlung ist, sie aber dann doch nur seiner Tochter vorliest. Das Geld benötigt er für Urlaube am Golf. Für die er selbstverständlich keine Reiseführer kauft, denn die erforderlichen Informationen kann man sich auch im Internet ausdrucken.

Der Nervenzusammenbruch rollt wie ein einzelner Heuballen durch die Kulisse. Ein in die Jahre gekommenes, lesbisches Paar bekämpft Vorurteile der 1960er und versteht (lautstark) nicht, warum sich junge Frauen nicht mehr für Feminismus interessieren. Der einzige der zuhört, ist ein junger, schwuler Mann, der kurz zuvor nach einer Auswahl an „Steam Punk“-Romanen mit homosexuellen Ermittlern gefragt hat.

Langsam und gemächlich schreitet der Buchhändler durch den Laden. Er wirkt wie ein verzweifelter Cowboy, den die Ruhe der Wahnsinnigen überkommen hat. Wie ein Magnet zieht der den Heuballen an, hebt ihn auf als er in Reichweite ist. Die einzelnen Halme sind rot und grün. Vereinzelt sind auch ein paar goldene und weiße darunter. Auf jedem einzelnen steht ein Weihnachtswunsch, den er wohl nicht mehr erfüllen kann. Es ist zu spät um Bücher zu bestellen, so sehr sich die Kundin an der Kasse auch gerade darüber aufregt, dass der Renner der Saison in der Buchhandlung ausverkauft ist. In jeder Buchhandlung, in der sie bisher war.

Er zieht einen Halm aus seiner Tasche und steckt ihn in das Bündel. Auf seine eigenen Bücher hat er vergessen. Weihnachten ist eine schöne Zeit. Zumindest nach Dienstschluss.

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2 Kommentare zu “Weihnachtsrummel – Der Wahnsinn in der Buchhandlung”

  1. Wieder ganz toll geschrieben. Außerdem gibst Du hier sehr anschaulich Einblicke in Bereiche, die man als Kunde ja kaum bis gar nicht kennt. Finde ich sehr interessant.

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