Besuch der alten Dame

Alltag – Furchtbar. 😉

Ein Buchhändler hat es schwerer, als man denkt. Und er hat eine Menge Nebenjobs. Er kann Seelsorger, Handy-Techniker und in nicht wenigen Fällen sogar zum Schauspieler werden, während er sich mit treuen Kunden unterhält.

Besonders ältere Mitmenschen ringen einem solch eine Wandlung auf. Meine absoluten Highlights dabei sind jene Situationen, in denen man zum fünfzehnten Mal erklärt, dass ein Buch nach 20 Jahren gelegentlich vergriffen ist. Aber es geht auch anders – und die ältere Dame, von der ich hier erzählen möchte, hat es mir besonders angetan. :mrgreen:

Alleine gegen das Lachen.

Manchmal ist ein Computerbildschirm, der zwischen mir und einem mäßig zum Kauf eines Buches befähigten Konsumenten steht, eine Art Feuermauer. Er hält mein Gegenüber davon ab zu erkennen, wann ich aufhöre ihn Ernst zu nehmen. Doch gelegentlich versagt dieser Sichtschutz – und dann bin ich ganz auf mich alleine gestellt. Furchtbar. Hilflos. 😉

Eine hochbetagte Dame erscheint vor mir. Sie zieht einen Koffer hinter sich her, in dem sie vielleicht ihre Lebensmitteleinkäufe verstaut hat. Das Blümchenmuster darauf ist beinahe psychedelisch. Ein Trick? Wohl kaum.

„Ich hätte gerne das Buch … äh … meine letzte Stunde.“, sagt sie und zaubert mir einen Kloß in den Hals. „Von diesem Salcher, oder wie der noch gleich heißt.“

Meine Züge versuchen mir zu entgleiten, doch im letzten Moment ducke ich mich, murmle etwas von einer Suche im Computer und verstecke mein Antlitz hinter der quadratischen Feuermauer auf meinem Tisch.

„Sieht so aus, als gäbe es das nur als Hardcover. Einen Moment. Ich sehe hier, dass ein Paperback im Februar folgen wird.“, berichte ich von meinen Recherchen. „Das wäre natürlich erheblich billiger.“

„Ein was?“

„Oh. Ein … äh …“ – man grübelt nach deutschen Vokabeln, findet schließlich das gewünschte Wort – „Taschenbuch.“

Prust.

„Aha.“, sagt sie. Ihre Augen flitzen von links nach rechts und wieder zurück, als kalkulierte sie etwas. Dann sieht sie mich an und nickt. „Ja. Bestellen Sie mir das als Taschentuch. Ich hole es mir dann im Februar ab.“

Sie wartet einen Moment, will sich bereits abwenden. „…wenn bis dahin nichts passiert.“, fügt sie hinzu und zwinkert. Dann dreht sie sich um. Doppelt so laut wie bisher ruft sie ein saloppes „Auf Wiederhören“ über die Schulter und geht.

Und lässt mich zurück. Kichernd hinter meinem Bildschirm. Ich werde wohl in Hollywood nie zu einer anständigen Rolle kommen… :mrgreen:

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2 Kommentare zu “Besuch der alten Dame”

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