Arme Soziologen

In den letzten Jahren haben die Soziologen in Punkto ‚Sympathie‘, zumindest bei mir, deutlich an Boden verloren. Das liegt nicht (nur) daran, dass ich viele ihrer ‚Vorschungsergebnisse‘ zunehmend kritisch sehe, sondern vielmehr an ihnen selbst.

Im Umgang mit Außenstehenden und ihren Forschungsobjekten legen sie oftmals ein dermaßen arrogantes, selbstüberschätzendes und weltfremdes Verhalten an den Tag, dass einem Durschnittsmenschen wie mir dabei einfach nur schlecht wird. Und weil das ja jeder behaupten könnte, möchte ich hier eine besonders hässliche Episode wiedergeben.

Mitleid und Anstand

Die Szenerie ist denkbar einfach. Eine kleine Gruppe von ausgewählten Soziologen präsentiert einer Menge von Zuhörern Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Armut. Brennende Fragen kommen auf, nachdem die Soziologen – eigenen Angaben zu Folge zum ersten Mal auf außerakademischem Boden – ihren Vortrag gehalten haben.

Selbstverständlich ist die Einteilung dieser Fragen rein subjektiv, wenn ich nun sage, dass es darunter ‚vernachlässigbare‘, ‚vernünftige‘, ’notwendige‘ und … mit Verlaub … ‚vertrottelte‘ gab. Was aber am spannensten dabei war ist, dass im Publikum gleich mehrere Betroffene saßen. Menschen also, die nur deshalb zu dieser Veranstaltung kommen konnten, weil kein Eintrittspreis verlangt wurde.

Anders als erwartet

Es beginnt damit, dass eine Soziologin außerhalb der Gruppe feststellt, dass verhältnismäßig wenige Frauen in den Berichten vorkamen. Sie fragte nicht nach wieso dem so war oder ähnliches. Akademische Gewohnheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mehr eine Pflichtübung denn überlegtes Hinterfragen.

Die Antwort ist verhältnismäßig simpel und kommt, zum Teil, aus dem Publikum selbst. „Unter der Brücke gibt es mehr Männer.“, kommentiert eine Betroffene dieses Phänomen. Sie selbst lebt in einer Wohnung, die noch aus besseren Zeiten stammt und kennt viele andere weibliche ‚Arme‘. In knappen Worten schildert sie, was die Soziologen geistesgegenwärtig mit ‚verdeckter Armut‘ und ‚verdeckter Obdachlosigkeit‘ kommentieren. Tragisch, ohne Zweifel – aber nicht Gegenstand der Untersuchung.

Die einsame Soziologin ihrerseits versucht das zu beenden, indem sie noch einmal bekräftigt, dass die ‚weibliche Seite der Armut‘ hier aber einfach unterrepräsentiert sei. Ein Besucher kommentiert das damit, dass der guten Dame ‚arme Männer wohl nicht arm genug‘ wären, was seinem Umfeld (männlich wie weiblich) zustimmendes Raunen abringt, ihr selbst jedoch nur einen Anlass gibt den Mund zu verziehen.

„Zurück“, hab‘ ich gesagt!

Noch bevor sich allerdings eine Diskussion entfalten kann, reißt jemand das Ruder wieder an sich: Die Gruppe der Vortragenden. Eigentlich hätte man sich mehr einen Abend im Zeichen der Präsentation, nicht der Diskussion gewünscht. Man sieht ihnen an, dass sie peinlich berührt sind.

Doch die Menschen lassen nicht locker, fordern sie auf doch ihre Einblicke in die Gründe der Armut zu präsentieren, vielleicht sogar mögliche Lösungen, auf die sie im Zuge der Recherche sicherlich gestoßen waren, aufzuzeigen. Man blockt. Man ist ratlos.

Lernen vom Fussvolk

Eine ‚Präsentatorin‘ gibt schließlich zu, dass dieser Abend nicht ‚typisch‘ verläuft; also ganz anders als in akademischen Kreisen. Sie zieht, als einzige in der Gruppe, den richtigen Schluss: Vielleicht ist es doch notwendig sich mit den Menschen selbst auseinander zu setzen, von ihnen zu lernen und ihnen zu helfen, anstatt nur ihre Eckdaten zu erfassen und ihre Gedanken niederzuschreiben. Vernünftig. Jeder darf Fehler machen – es kommt aber darauf an aus ihnen zu lernen.

Anders der liebe Kollege, ein erfahrener Mann fortgeschrittenen Alters: Er verkündet (für die Anwesenden deutlich vernehmbar), dass sich die Gruppe nun, nach einer zweistündigen Veranstaltung zum Thema Armut, in einer (durchaus noblen) Weinbar einen Tisch reserviert hat und deshalb aufbrechen müsse.

Nennt mich seltsam: Ich könnte das nicht. Vermutlich ist der Elfenbeinturm eben doch keine so abwegige Metapher. Dass alle Soziologen so sind möchte ich nicht nur bezweifeln – ich habe es auch schon erlebt. Aber Erlebnisse dieser Art überwiegen.

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3 Kommentare zu “Arme Soziologen”

  1. Das, was Du beschreibst, könnte man auf alle anderen sozial- und geisteswissenschaftliche Veranstaltungen übertragen:

    1. Das mit den Frauen hat jemand gewaltig missverstanden. Man muss es auseinanderhalten: In der Wissenschaft ist es meines Erachtens nach schon wichtig darauf einzugehen, ob es hier sinnvoll wäre, Frauen separat zu betrachten. Wenn man Begründen kann, wieso aus dieser oder jener Studie mehr gewonnen werden kann, wenn man noch einen Genderaspekt mitreinbaut, ist es sinnvoll. Wenn man über Kommunikationsmodelle redet- ja; wenn es um altiranische Texte geht- nein. Es sollte jedoch wie eine mögliche Unterscheidung gehandhabt werden, wie z.B. auch Kind- Erwachsener, Immigrant- Eingesessene ect.
    Außerhalb der Wissenschaft: Es werden nicht dadurch mehr Kindergartenplätze entstehen oder Männer in der „emanzipierten Welt“ sich „besser zurechtfinden“, nur, weil man jetzt alle Studien genderdifferenziert macht.

    2. Die Akademikerin und das Fussvolk. Das Fussvolk hat ja bekanntlich keine Ahnung, deswegen kann man ihnen nichts erklären, weil sie die Grundlagen nicht kennen; so die Einstellung viele Akademikerinnen.
    Meiner Erfahrung nach kann man einfach seinen Stoff nicht, wenn man nicht im Stande ist einem Laien zu erklären, worum es geht. Wenn ich nicht im Stande war jemanden, der nicht aus der Sprachwissenschaft oder der Philosophie kommt, etwas aus dem Bereich zu erklären, lag es daran, dass ich selber Lücken hatte.
    Die hier beschriebenen Soziologinnen waren eindeutig nicht gut genug vorbereitet und hatten nicht mal die Größe, dass zuzugeben. Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Dozentin ist u.a., dass die schlechte Dozentin irgendeinen Mist von sich gibt, dass ja niemand bemerkt, dass sie keine Ahnung hat, die gute Dozentin dagegen sich für ihre Unwissenheit entschuldigt und dafür wunderbar vorbereitet zur nächsten Stunde erscheint.

    3. Der Respekt gegenüber dem Probantinnen. Sprachwissenschaftlerinnen können, müssen aber nicht in die Feldforschung. In den entsprechenden Kurse, die als Vorbereitung für Feldforschung besucht werden können (Stichwort: Dokumentationslinguistik) wird auch darauf eingegangen, wie man sich respektvoll gegenüber Probantinnen verhält.
    In der Anthropologie muss man in die Feldforschung, wenn man wissenschaftlich arbeiten möchte. Dort werden ganze Vorlesungen und Seminare darüber abgehalten, wie man sich gegenüber dem „Forschungsstamm“ verhält.
    Anscheinend fehlt das irgendwie in der Soziologie.

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    1. Dem Meisten möchte ich so zustimmen. Allerdings ist mir natürlich klar, dass man nicht in jeder Situation alles immer erklären kann. Gerade aus der Philosophie kennt man das ja auch – einige der Konzepte sind eben kumulativ und können deshalb wirklich nur erklärt werden, wenn man eine Menge Zeit hat.

      Ich habe immer den Eindruck, dass die Soziologen wirklich von Jahr zu Jahr schlimmer werden (also abstrakteres von sich geben). Und das, was die nicht mehr von sich geben wollen, saugen die Gender-Studies-Leute auf.

      Es scheint mir, als hätte ich deutlich zu oft mit ihnen zu tun. Vielleicht ist es ja auch eine Überreaktion meinerseits, dass mir bei jedem Binnen-I schon schlecht wird (nicht falsch verstehen – wenn man sich wissenschaftlich einig ist eine geschlechtergerechte Sprache müsse her, dann bitte mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts, nicht mit diesem billigen Immitat einer Lösung). Aber das ist ein anderes Thema.

      Danke, dass Du Dir die Zeit für eine so ausführliche Antwort genommen hast! 🙂

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      1. Klar, es gibt Sachen, die man nur erklären kann, wenn man jede Menge Zeit hat. Dann soll man gefälligst den Vortrag so planen, dass man ein Thema wählt, wo man nicht jeder Menge Zeit braucht.

        Die Zeit genommen… es ist eher einer dieser Situationen, wo Hausbewohnerinnen fragen, was ich den wieder schreiben würde, weil sich meine Tastatur wie ein Maschinengewehr anhört. 8)

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