Hr. Kant, Hr. Marx und der unbekannte Philosoph

Er musste soetwas wie einen ‚bedächtigen Blitz‘ gespielt haben, als er an mir vorüberzog. Ich habe ihn danach noch ein paar Mal von einem unserer Bücherschränke zum anderen gehen sehen – und da wirkte er nicht eben wie ein zweibeiniges Rennpferd. Obwohl … die können vermutlich auch nicht besonders rasch traben.

Karli, der rostige Blitz

Der Kunde jedenfalls, von dem ich jetzt berichten möchte, hat durchaus seine Qualitäten. Sein Äußeres erinnert ein wenig an Karl Marx und seine Stimme nimmt klangliche Färbung von André Heller an, wenn er spricht. Auch der von einer gewissenen Patina inzwischen ein wenig mattierte alt-wiener Dialekt trägt dazu bei sich an ihn erinnern zu können.

Als ich erfolgreich ausfindig gemacht hatte wo er sich vor den wachsamen Blicken meiner Kollegin (und mir) verbarg, hockte er gerade vor unserem Philosophie-Eck.

„Grüß‘ Sie.“, grinste er mir freundlich und bodennah zu. „Ich such‘ Philosophie.“

Aha, dachte ich.

„Aha.“, sagte ich.

Auf die Schulter klopfen konnte ich mir jetzt nicht unbedingt. Meine Schlagfertigkeit muss wohl in den Fieberschüben der letzten Tage dahingeschmolzen sein. Aber ehrlich gesagt ist es auch dann schwer etwas sinnvolles zu jemandem zu sagen, dessen graumelierte Haare in alle Richtungen abstehen (Haupt- und Barthaar gleichermaßen!) und dessen Kopf sich in Etwa auf kniehöhe befindet, während er zu einem spricht.

„Also … ich bin sehr an Kant interessiert.“, setzt er der kurzen Pause ein Ende.

Mit einem sicheren Griff lange ich nach der ‚Kritik der reinen Vernunft‘, die zwischen den anderen Werken im Regal steht und reiche sie dem Kunden. Es handelt sich um einen genialen Druck aus Anaconda-Verlag: Extrem günstig und qualitativ wirklich annehmbar.

Der Horatio-Moment

Er wirft jene Sorte Blick darauf, die man gewöhnlich Objekten zuwirft, die man geschenkt bekommt obwohl man sie bereits besitzt und erklärt: „Wissen Sie … ich habe alles schon gelesen, was er geschrieben hat. Sogar auf französisch.“

Gegen das ‚Aha.‘, das mir jetzt über die Lippen kam, war das letzte noch eine wahre Ausgeburt an Eloquenz gewesen. Ich hüstle kurz um mich davon abzuhalten zu fragen warum zum Teufel das jemand machen sollte. Beim letzten Mal als ich nachsah hat Kant noch auf Deutsch geschrieben. Und neues war in ‚letzter Zeit‘ von ihm auch nicht unbedingt gekommen.

Er setzt ein mildes Lächeln auf und kneift die Augen ein wenig zusammen. Ob er damit ‚cool‘ wirken wollte – oder seiner Belustigung ausdruck verleihen – wusste ich nicht. Aber es war einer dieser ‚Horatio‘-Momente. Ihr wisst schon, der Typ aus ‚CSI: Miami‘, mit seiner Sonnebrille und den ‚One-Linern‘ (dümmlichen, vermeintlich coolen, Sprüchen).

„Wissen Sie:“, sagt er mit betont tiefer Stimme und jendem dialektfreien Dialekt wie es nur Wiener über fünfzig zu Stande bringen: „Ich bin ein einsamer Denker.“

Und ich hab‘ keine Chance. Mein Kopfradio spielt den ganzen restlichen Tag den gleichen Track. :mrgreen:

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6 Kommentare zu “Hr. Kant, Hr. Marx und der unbekannte Philosoph”

  1. Hat er was gekauft? Er wirkt wie einer dieser verwirrten, älteren Herren, die irgendwie selber nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich werd da immer ganz nervös, man will ja nicht oberflächlich werden („ja, ehm, suche sie den was bestimmtes?“), aber weiß nicht, was man sonst sagen soll. Die verirren sich nämlich gerne in Bibliotheken der Geisteswissenschaften, wo ich dann saß.

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    1. Ja, hat er (MEW 25). Ich bilde mir ein recht … sattelfest zu sein. Zumindest wirft mich nichts so leicht aus der Bahn, wenn es um das Verhalten von Kunden geht. Aber dieser Typus hat schon was für sich, dass mich einfach stoppt.

      Etwas muss es mit der Philosophie auf sich haben, als dass sich alle Irren ihr in den Schoß werfen. Umso tragischer, als das ich selbst ja (bekanntlich) dahingehende Ambitionen habe. Philosophie, mein‘ ich… :mrgreen:

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      1. Ja, weil wir überdurchschnittlich Intelligenten verstehen die Welt manchmal nicht mehr (siehe Dein Schreiben an die Wiener Gesellschaft für öffentlichen Personentransport) und glauben dann, dass so ´ne logisch aufgebaute Philosophie einen weiterbringt. Dadurch, dass wir dann versuchen die Welt logisch zu begreifen, verstehen wir die Welt umso weniger (siehe mein Streit mit unserem Telefonanbieter) und endet dann als so´n verwirrter Seniorenstudent am unseren Institut. Oder in Deiner Buchhandlung. Oder als Dozent an der Uni.

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      2. Zumindest was den Versuch angeht die Welt LOGISCH zu interpretieren muss ich ja fast zu 110% zustimmen. [Und ja: Ich liebe Paradoxien :mrgreen: ]

        Es scheint mir oft, dass die Menschen mit dem wenigsten Anspruch sie überhaupt zu verstehen dabei nicht nur wesentlich erfolgreicher, sondern auch glücklicher sind!

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  2. Aber gerade Kant macht doch so herrlich befreiend klar, dass man letztlich gar nichts sicher wissen kann.
    Und außerdem bin ich immer noch der Meinung, dass Buchhändlern der Einsatz von Waffen in Ausübung ihrer Dienstpflicht erlaubt sein sollte. 😉

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