Eine Art Nachruf

Gewöhnlich sind einem Menschen, die mit sich selbst sprechen, suspekt. Gut, man hat sich ja daran gewöhnt, dass allerorten herumgelaufen wird, während man ein vom Ohr in die Jacke führendes Kabel bequatscht und dabei oft (scheinbar) unvermittelt zu Grinsen oder zu Fluchen anfängt. Dennoch: Das 21. Jahrhundert ist skurril.

Aber nicht nur Handy-Telephonieren mit Freisprecheinrichtungen bringt manche Zeitgenossen dazu Worte an die ahnungslose Luft vor ihnen zu richten, manchmal reichen dazu schon ältere Damen aus, die offenbar recht häufig alleine auf das Vergehen von Zeit warten.

Eine meiner liebsten Kundinnen hatte diese Angewohnheit. Sie sprach stets mit sich selbst. Aber davon erst später mehr.

Der Auftritt: Unverkennbar.

Wie viele andere, regelmäßig erscheinende, Kunden erkannte man sie schon an der Art, wie sie unseren Laden betrat. Die Türe öffnete sich, zwei oder drei Sekunden verstrichen ohne offensichtliches Geschehen – und dann erschallte der Schlachtruf: „Einen schönen guten Tag wünsch‘ ich.“. Einzigartig.

Die Bühne betrat dann stets eine (zuletzt) 86jährige Frau, die man wirklich nur bewundern konnte. Sie war als Bäckermeisterin in die Reihen der Lokalprominenz aufgestiegen, hatte in ihrem Leben zahlreiche Abenteuer erlebt und Dinge getan, die Leistungen vermeintlich wichtiger Feministinnen (natürlich hauptsächlich unserer Zeit) in den Schatten stellten: Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in Wien den Führerschein machten, führte selbst die Bäckerei ihres Vaters nach dessen Ausscheiden weiter und hätte beinahe einen unserer wichtigsten Bundespolitiker überfahren.

Gut … letzteres kann man ihr jetzt nicht wirklich als Leistung anrechnen (weil böse Zungen behaupten, sie hätte ihn ja verfehlt) – aber sei’s d’rum.

Die späteren Jahre

Im Alter hatte sie (geistig) nicht nachgelassen. Ich erinnere mich (gerne) an viele Diskussionen über das Internet (das sie selbst noch nutzte!) und Digitalfernsehen, Handys und überhaupt jede Menge technisches. Es fehlte ihr nicht an Verständnis, obwohl sie das stets behauptete, und das Vermögen zu Lernen hatte sie niemals eingebüßt.

Die liebenswerteste ‚Macke‘ war wohl, dass sie laut und oft Zwiesprache mit sich selbst hielt, was ihr bei uns den Spitznamen ‚Die Damen P.‘ einbrachte. Vor allem das wie amüsierte uns. Oder auch dann, wenn sie diese Zwiesprache selbst in eine Aussage miteinbrachte, was sich ungefähr so anhörte: „Und da sag‘ ich zu mir, Margarethe sag‘ ich, da musst Du jetzt eben durch!“, wobei sich ihr eigener Vorname etwa so anhörte: „Magareeeeeeetä“. :mrgreen:

Mit ihr hat unsere Buchhandlung keine ’schillernde‘ Persönlichkeit verloren, sondern eine großartige. Eine Frau die anpacken konnte und sich niemals vor dem Neuen fürchtete; die auf alle Herausforderungen des Lebens mit Entschlossenheit reagierte und alle Widerstände (seien es nun jene der damaligen Männerwelt oder der Welt im Allgemeinen) aus dem Weg räumte.

Ich werde sie wirklich vermissen.

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2 Kommentare zu “Eine Art Nachruf”

  1. Eine schönere Liebeserklärung hat die Magareeeeeeetä! sicher nie bekommen, lieber Daniel, und ich danke dir, dass du mich mit ihr bekannt gemacht hast. Sie ist eine Frau nach meinem Geschmack!

    Alles Liebe
    Anna

    PS: Die Gardi hat den Weg aber schnell hierhergefunden – freue mich 😉

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  2. Diese Frau hätte ich auch gerne kennengelernt. Sie würde sich sicherlich über deinen Artikel freuen. Es ist doch schön, wenn man bei Menschen so einen Eindruck hinterlassen kann 🙂

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