Das Brodeln in Europa

Was wir miterleben ist nicht weniger als der Anfang vom Ende. Keine Angst – ich bin kein Anhänger apokalyptischer Ideen oder Verschwörungstheoretiker ersten Ranges. Dennoch kann ich nicht umhin das ‚Brodeln‘ in den sozialen Medien, der Kampf gegen ACTA und seine großen und kleinen Geschwister oder das Aufkommen einer repolitisierten Jugend zu bemerken.

Als (parteipolitisch) eigentlich heimatloser Linker freut mich das. Grundsätzlich. Zwar entspringt diese neue Welle des überlegten Widerstands nicht der Freiwilligkeit oder politischem Interesse. Vielmehr handelt es sich um eine notwendige Reaktion auf Druck von Außen, von einer langsam aus sanften Schönwetterwolken fallenden Kaste schreihälsiger Wirtschaftsmagnaten und vom Markt versklavter, ja von diesem eher schon erhaltenen, Politiker.

Wandel in der politischen Landschaft

Doch die Zeit der großen Parteien ist ohnehin vorbei. Die Zeiten ändern sich, die Menschen sich mit ihnen. Früher war entscheidend, dass sich möglichst viele Menschen an bestimmten Orten versammelten, wo ein Einzelner ein Vielfaches an Gesinnungsgenossen erreichen konnte. Ein Redner – viele Hörer, und wenige, die das vernommene verschriftlicht nach außen trugen.

Heute ist das anders. Ein weltweites Netzwerk, kaum mehr aufzuhalten, ermöglicht den Menschen Kommunikation und die Bildung von themengesteuerten Think-Tanks in atemberaubendem Tempo. Es ist nicht mehr nötig in allen Punkten einer Meinung zu sein um etwas zu erreichen; die Welt wird nunmehr von Initiativen überrannt, die nichst weiter sind als Flashmobs miteinander konkurierender Utopien.

Nebeneinander und doch nicht gleich

So darf es nicht wundern, wenn ‚Rechte‘ und ‚Linke‘ nebeneinander gegen ACTA demonstrieren. Wenn im Zuge der allgemeinen Verwirrung die Ideologien (themenabhängig) einander so nahe kommen, dass es kaum noch möglich ist die Stimme einer Bewegung herauszuhören, und Polarisierung nur mehr abseits korumpierter, staatlich geförderter Interessensvertretungen wie den Volksparteien (rot, schwarz, grün, blau / gelb, orange und in sonstigen Farben und -kombinationen) stattfindet.

Das dafür aber umsomehr. Denn die Menschen haben sich bereits eine Meinung darüber gebildet, was sie von der vielen Korruption in den höchsten Kreisen halten sollen, wie sie mit den Banken am Liebsten umspringen möchten oder was sie zu den Versuchen von veralteten Industrien sagen, die versuchen über den Zwang das Geld aus den Taschen der Nicht-Kunden zu ziehen.

Wohin? Nach rechts oder nach links?

Was ihnen jedoch nicht so klar erscheint istder Weg davon weg. In Europa gibt’s hierzu zwei Lager: Die Nationalisten, die in der ersten, momentan deutlich spürbaren, Phase Aufwind erfahren. Sie werden von jenen in (für ihre Verhältnisse) schwindelerregende Höhen gehoben, die nun begonnen haben die Zeit vor den großen Zusammenschlüssen, vor der Öffnung der Grenzen und der Zusammenarbeit auf unserem Kontinent zu idealisieren. Sie möchten am Liebsten die Augen schließen, die Grenzen abdichten und sich auf das allseits bekannte Territorium eigener Währungen zurückziehen – kurz: Alles rückgängig machen, ja ungeschehen sogar. Die letzten zwanzig, dreißig Jahre fortdenken und hoffen, dass die Welt wieder einfach in ‚Gut‘ und ‚Böse‘ einzuteilen ist. Ersteres natürlich dort, wo man selbst steht.

Und dann gibt es die neuen Linken, deren Wachstum sich auf die Jugend begründet. Jenen Teil der Jugend, der schon vergessen hat, dass ein Franzose eigentlich ein ‚Ausländer‘ ist, die sich schwer damit tun sich vorzustellen, dass nicht mehr mit ihren Freunden in Portugal oder Belgien ’skypen‘ können. In den deutschsprachigen Ländern ist dies noch lange nicht so ausgeprägt wie es sein könnte und sollte, dennoch merkt man es auch hier: Eine ganze Generation eigentlich unpolitischer Jugendlicher hat begonnen sich mit dem Entzug ihrer Freiheiten auseinander zu setzen.

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man hinnimmt, wie sich die Großeltern- und Elterngeneration von den Problemen der eigenen Kinder distanzieren und auf ihre Kosten, oder sogar auf jene der Kindeskinder lebt.

Zweifelsfrei haben beide ‚Seiten‘ ihre Alten und ihre Jungen. Die Frage die sich stellt geht aber über Alter, Geschlecht und ’sogar‘ Nationalität hinaus: Wollen wir beherrscht werden vom Geldadel und jenen, deren Eltern und Großeltern ihm schon angehörten? Oder wollen wir auf deren Mildtätigkeit zu Gunsten von sozialer Ausgewogenheit verzichten, uns nicht dem Traum hingeben sich vom Tellerwäscher zum Millionär zu entwickeln? (Ich nehme hier Lotto-Millionäre natürlich aus… :mrgreen:)

Rauchzeichen

Die Wut wächst. Der Widerstand und die Reaktion darauf wächst. Und von allen Seiten bemerkt man den Rauch, der dem Feuer vorangeht wenn man nur lange genug mit seinem Stöckchen im Holz bohrt.

Ob die Flammen nach rechts oder links ziehen steht noch in den Sternen, hängt davon ab welche Initiativen wie formuliert bei den Menschen ankommen. Aber eines ist ausnahmslos allen klar, denke ich: bald wird der Funke zünden. Athen, der Ort an dem es schon so schlimm ist wie es bei uns wohl werden wird, ist nur der Anfang.

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5 Kommentare zu “Das Brodeln in Europa”

  1. Es tut gut zu lesen, dass jemand die selben Beobachtungen macht, wie ich. Zwar bin ich nicht ganz Deiner Meinung, bzw. ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob es nach „links“ oder nach „rechts“ gehen wird.

    Aber ich finde diese apolitische Einstellung meiner gleichaltrigen, von mir gerne bezeichnet als „iPodGeneration“ oder „90igerJahreGeneration“ ganz, ganz, ganz schlimm. Ich werd das hier jetzt nicht weiter ausführen, Interessierte seine auf meinen Blog verwiesen.

    Leute, die älter sind als ich, gehören noch zur einer Generation, die stark politisch bewusst war. Gleichzeitig beobachte ich, dass Leute, die jetzt so im Abituralter sind- da geht was! Hoffmas…

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  2. Schöner Artikel, hat mir gut gefallen. Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, dass „Linke“ und „Rechte“ auf einmal die gleichen Ziele verfolgen, aber da hast du vollkommen Recht. Und wenn man sich Gedanken darüber macht, sieht man vielleicht auch eine ganz große Chance darin. Vielleicht ist es irgendwann nicht mehr wichtig, welche „Richtung“ eingeschlagen wird, vielleicht überkommt sich dies durch die gemeinsamen Ziele. Dann können die einen die anderen nicht mehr so schlecht finden, weil ja alle das Gleiche wollen.
    Und wenn das auch noch länderübergreifend wird… wow 🙂 Es hat angefangen, und ich finds gut. Es ist so wichtig, sich seine eigene Meinung zu bilden, und nicht der der Vorgängergenerationen hinterherzulaufen.
    Hoffen wir das Beste.

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    1. Naja, da würde ich widersprechen:
      Die linke, politischaktive Jugend setzt sich z.B. für Integration ein, bzw. versucht den Bürgerinnen klar zu machen, dass es nicht die „Ausländer“ sind, die sich integrieren müssen, sondern die „Deutschen“, „Engländer“ oder „Franzosen“ sind, die sich in das neue, gegenwärtige multikulturelle Europa integrieren müssen.

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    2. Danke für das Lob. 🙂

      Ich glaube, dass es nicht ganz so einfach werden wird. Zeitweise gemeinsame Ziele zu haben ist eine tolle Sache – ändert aber leider nichts daran, dass die vielen anderen Punkte (zurecht!) aus deutlich verschiedenen Perspektiven betrachtet und mindestens doppelt so entschieden anders beurteilt werden (und werden müssen).

      Eine wichtige Lektion, die von der ‚Linken‘ leider nicht gelernt wurde, ist, dass nicht alles automatisch schlecht ist, nur weil sich manches eben überschneidet und sich die eigenen Interessen zeitweilig mit jenen der Konkurenz decken. Es gibt hier nur extrem wenige Ausnahmen. 😦

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