Der Kunde als Spiegel

Alltag - Furchtbar. 😉

Manchmal verblüffen Kunden ihre Buchhändler.

Diese Feststellung sollte jetzt eigentlich nicht überraschen. Besonders jene nicht, die meinen Blog schon ein wenig länger verfolgen (obwohl … soooo alt ist er jetzt ja auch wieder nicht), schreibe ich doch recht regelmäßig darüber wie sie mich sprachlos machen. Und das ist nicht so einfach.

Interessant wird’s aber, wenn man feststellt welchen Charakter man von seinen Kunden zugeschrieben bekommt. Und wie sich die Sichtweisen auf die eigene Person von Gegenüber zu Gegenüber unterscheiden.

Der liebe Herr D.

Da wäre zum Beispiel der pensionierte Richter, der meine Wenigkeit immer mit „Der liebe Herr D.“ anspricht. Ich mag ihn. Er kommt in unregelmäßigen Abständen und setzt sich auf einen Kaffee zu uns. Ab und an ordert er dazu ein Stück Kuchen und erscheint dabei immer wie ein Lausbube, der seiner Frau einen Streich spielt.

Alle paar Wochen bestellt er dann ein Buch über Astrologie, was so gar nicht zu seiner sonst nüchternen, aufgeklärten Art passt. Er entschuldigt sich dann immer und kommentiert es ungefähr so: „Jeder hat einen Klescher. Das ist halt meiner.“ (‚Jeder hat einen an der Waffel. Ich deswegen.‚)

Der Altersunterschied zwischen diesem Herrn und mir ist übrigens meine Mutter. (Schön formuliert, oder?)

Der Stoiker

Oder der Kunde, der jeden Morgen (und ja: er kommt tatsächlich fast jeden Tag) erzählt wen er nicht am Vortag verkackeiert (wie ich dieses Wort liebe, und das erst am Valentinstag!) hat. Anfänglich hat er’s noch bei mir versucht – das hat er aufgegeben. Etwa als er mir einen Fünfer in die Hand gedrückt hat und nach dem Wechselgeldempfang behauptet hat er hätte mir einen Zehner gegeben. Als ich nicht und nicht nervös werden wollte hat er mir seinen Respekt ausgesprochen. Seither versucht er’s nur noch selten.

Ich seh’s als sportliche Herausforderung. Auch die Episode, als er mir vor gesammeltem Publikum laut mitteilte, dass der Kaffee wohl nicht mehr frisch wäre und hinnehmen musste, dass ich ‚Er ist so frisch wie jeder Kaffee vom letzten Samstag‘ erwiderte anstatt (wie beabsichtigt) rot anzulaufen.

Darauf bin ich sogar ein wenig Stolz – denn dieser Mann hat’s drauf. Einmal, so erzählte er, hatte man ihn aus der Werkstätte rausgeschmissen, während man seinen Wagen reparierte. Er wollte aber dabeisein und verließ deshalb die Stätte nur für wenige Sekunden. Der Mechaniker hatte ihn nämlich mit den Worten: „Steht dort an der Türe: Für Unbefugte ist der Zutritt verboten!“ hinauskomplimentiert. Das nahm Herr B. zum Anlass durch eine andere Türe die Bildfläche zu betreten und den Techniker darauf hinzuweisen, dass es bei dieser keinen derartigen Hinweis gegeben hätte.

Und er ist wirklich glaubwürdig dabei. :mrgreen:

Die NamensammLERIN

Wenn das Telephon läutet – und es einem nicht gerade unmöglich ist ranzugehen – ist es immer ein wahres Vergnügen Frau Ch. an der Strippe zu haben.

„Buchhandlung L.. Hallo?“, meldet sich da einer. Und am anderen Ende der Leitung regt sich bereits an dieser Stelle Widerstand.

„Können Sie nicht ihren Namen dazusagen? Das werde ich ihrem Chef einmal sagen, dass sich bei Ihnen keiner mit Namen meldet.“

An dieser Stelle erbleicht der Lehrling. Was er nicht weiß ist, dass Frau Ch. dieses Spielchen bei jedem versucht. Sie ist eigentlich eine nette ältere Dame, die zwar zum Lesen jedes Buches etwa so lange braucht wie mein Sohn zum Erlernen des Alphabets, aber sonst recht pflegeleicht ist.

Gegenüber dem deutlich jüngeren Auszubildenden habe ich einen geringen Vorteil: Jede Menge Erfahrung im Umgang mit schwierigen Menschen (obwohl auch ich meine blinden Wut-Flecke hab‘) und die Tatsache, dass die Buchhandlung im Familienbesitz ist. So konnte ich, als ich an der Reihe war das obige Gespräch auszufassen, recht locker antworten.

„Schlagen Sie’s ruhig meiner Mutter vor. Oder, wissen Sie was? Ich sag’s Ihr gleich selber. Allerdings möchte ich noch anmerken, dass SIE damit angefangen haben Ihren Namen nicht zu nennen, Frau Ch.“

Kurzes Zögern. Ein Räuspern.

„Ich hätte eine Bestellung.“

Der geschätzte Angstgegner

Am Meisten hat’s mir aber jemand angetan, den ich nicht einmal wirklich kenne. Im Grunde war unsere Begegnung nur beschränkt kreativ: Er hatte Bücher bestellt, diese abgeholt und sie gezahlt. Kurz bevor er den Laden verließ drehte er sich allerdings noch einmal zu mir um und sagte: „Jetzt bin ich ja fast ein wenig enttäuscht.“

Ratlosigkeit machte sich auf meinem Gesicht breit, das konnte ich spüren. „Wieso denn das?“

„Naja … normalerweise verarschen Sie mich immer, nachdem ich etwas bei Ihnen gekauft hab‘. Heute gar nicht.“

Ich gelobte Besserung. Aber, um ehrlich zu sein: Auch Spontanität will geplant sein. 😉

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3 Kommentare zu “Der Kunde als Spiegel”

  1. Also, ich muss zugeben, Ladidaladida hat’s 100% recht gehabt, das Blog ist wirklich gut: sehr informativ, kreativ, witzig. Also, ich glaube, ich werde mir erlauben ( 😉 ), es zu folgen. Darf ich?

    Ich habe übrigens nie gedacht, dass die Buchhandlungskunden (also, „wir“) so .. hm, sagen wir mal „erfindlich“ sein können.

    liebe Grüße,
    Renard

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    1. Danke für die Blumen. 😉

      Es ist nicht unbedingt so, dass nur Kunden dermaßen Verhaltenskreativ sein können. Wir Buchhändler sind schon ein Völkchen für uns – leider ist mir dabei aber recht selten zum Lachen zumute.

      Aber ich liege schon auf der Lauer. Mein erster ‚Epic-Fail‘ wird natürlich genauso vertextet… :mrgreen:

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      1. Manchmal sind die Kunden wirklich einfach deppert, das merke ich (leider!) bei mir selbst. Vor kurzem war eine nette alte Dame am Telefon recht verwirrt, da ich sie gefragt habe, ob sie für mich Kakteen hat (rief natürlich ein Blumengeschäft an, aber der Frau hat’s nicht geholfen).

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