Von Wiener Kaffeesorten und wirren Kunden…

Im Laden

Wir sind ein Kombinat aus Buchhandlung und Café, was in etwa dreißig Zentimeter großen Buchstaben über und neben unserem Eingang steht. Ich möchte das vorausschicken, weil es für das Verständnis der folgenden Szene fundamental ist. 🙂

Eine nicht epische aber zumindest denkwürdige Begegnung mit einer wirren Kundin, die nicht nur Reflexionen über das Problem der Wiener Kaffeevarianten hervorgerufen hat, sondern mich auch einmal mehr verwirrt zurückgelassen hat. Ich hege langsam die Vermutung, dass ich später einmal genauso werde und die Buchhändler dieser Welt mit vollkommen undurchsichtigen Wünschen quälen werde. Und wenn’s nur der Tradition wegen ist. 😉

Auftakt?

„Sagen Sie … kann ich bei Ihnen auch einen Kaffee trinken?“, fragt sie als sie den Laden betritt. Ihre Brillengläser beschlagen innerhalb von Wimpernschlägen und machen ihr die Orientierung bestimmt unmöglich.

Ich sehe mich einen Moment um. Gut – die vielen Bücher an der Wand und auf den Regalen in der Mitte des Raumes mochten ihr mehr auffallen als die Tische, an denen hier und da Gäste das beliebte Heißgetränk schlürfen.

„Selbstverständlich. Welchen darf ich Ihnen denn bringen?“

Hauptteil?

In Wien ist Kaffee-Bestellen nicht so einfach. Was Starbucks erst im 20. Jahrhundert in andere Teile Europas brachte hatten wir hier schon kultiviert: Das Verwirren des Kunden durch die Namensvielfalt. Wenn man einmal darüber nachdenkt geht es immer nur um das Verhältnis zwischen Kaffee, Milch und Milchschaum; aber warum einfach, wenn’s auch kompliziert ist?

Ich erwarte also, dass sie ihre Bestellung aufgibt. Eine ‚Melange‘ ist die Bestellung, die einen (zumeist peinlich berührten) Österreicher aus der Situation holt zugeben zu müssen, dass er die unterschiedlichen Benennungen auch nicht kennt. Das unterscheidet ihn vom Deutschen Gast, der in dieser Situation oft nur ratlos in den Raum starrt bis man fragt: „Mit Milch oder ohne? Stark oder nicht?“. Es soll schon vorgekommen sein, dass an einem Tisch drei Gäste einen ‚Espresso‘, einen ‚Mokka‘ und einen ‚Kleinen Schwarzen‘ bestellt haben und jeder davon überzeugt war, dass ER den besten Kaffee geordert hat. Obwohl alles das Gleiche ist.

Wie auch immer … die Dame scheint andere Pläne zu haben.

„Kann ich mich hier setzen?“, geht sie nicht auf mich ein.

Vermutlich zog ich in diesem Augenblick meine Augenbrauen hoch und setzte einen Blick auf der nicht unbedingt als heroische Mimik auf einem Heldenportrait verewigt werden sollte.

„Äh … gerne. Da hinten links wäre noch ein Platz frei.“

Schluss?

„Haben Sie auch Tageszeitungen?“

„Zum hier lesen oder zu kaufen?“ – eine nicht unberechtigte Frage. Ersteres hätten wir nämlich, zweiteres nicht.

„Welche haben Sie denn?“

„Wir haben den Standard und die Vienna Review.“

Sie nimmt das kleine Gestell vom Regal, auf den die Zeitung montiert ist um das (auf-) halten derselben mit nur einer Hand zu erleichtern und blättert lustlos für ein paar Augenblicke darin.

Inzwischen ist ihre Sicht wohl frei, denn sie wirft mir Blicke über den Brillenrand zu wie weiland mein ungeliebter Mathematik-Lehrer. Dann drückt sie mir die Zeitung in die Hand und meint: „Nein. Äh … nein. Also…“. Und geht.

Nachspiel?

Das Schlimme dabei ist, dass sie mich verwirrt zurücklässt. Der Umgang mit älteren Leuten (wie bei uns alltäglich) ist oftmals durchzogen von Missverständnissen. Hörschwächen und unterschiedliche Dialekte machen das nicht einfach – aber diese Dame hat mich garantiert verstanden. Was wollte sie also WIRKLICH? :mrgreen:

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4 Kommentare zu „Von Wiener Kaffeesorten und wirren Kunden…“

  1. Nach fünf Jahren Uni ist man von sogenannten Senioren schon einiges gewöhnt. Oder die Geschichten aus dem Altersheim, wo meine Mama arbeitet. Ältere Menschen können manchmal nerven, aber die sind so süß und niedlich, wenn sie verwirrt sind, wie große Babies.
    Jetzt weiß ich zumindest, was die Senioren machen, wenn sie nicht an der Uni sind: Die treiben sich im Buchländen herum und verwirren dort die Verkäufer ^_____^
    Aber was ganz was anderes:
    Ich dachte, dass ein Wiener Melange einfach ein Filterkaffee mit Milchschaum und etwas warmer Milch wäre. Gibt es dort Abstufungen? Und Espresso ist doch italienisch aus so ´nem Kännchen, während Mocca aus der Türkei oder Arabien stammt, feiner gemahlen ist und in einem Minitöpfchen mehrmal aufgekocht wird, gerne mit Zucker und Kardamom.
    Bzw. es gibt den Café Mocca: Ein Café Latte mit Schokoladensirup. Was Café Latte ist, lass ich mal stehen, weil da kenn ich zwei Definitionen.

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    1. *smile* – Ja, es ist nicht einfach. Tatsächlich gibt es hier regionale Unterschiede. Je weiter nördlich man von Wien aus spaziert, desto wahrscheinlicher versteht man unter Mokka eine spezielle Methode den Kaffee zuzubereiten.

      Im Zeitalter der Espresso-Maschinen hat sich der Unterschied zwischen Mokka und Espresso ohnehin verloren (beides wird in Wien auch mit ‚kleiner Schwarzer‘ bezeichnet). Das höchste der Gefühle ist, dass man den Mokka mit geringfügig mehr Wasser zubereitet.

      Die Melange ist ein ‚großer Schwarzer‘ mit Milch und ein wenig Milchschaum. Der ‚große Braune‘ ist ebenfalls ein ‚großer Schwarzer‘ mit Milch (und ohne Schaum). Manchmal wird er auch mit Sahne serviert (was allerdings nicht die Regel ist, wie Wikipedia heuchelt…).

      Caffe Latte und Latte Macchiato zu unterscheiden ist relativ schwierig. Im zweiteren ist weniger Kaffee, das ist der populärste Schlüssel.

      Tatsächlich kommen diverse Zusätze (etwa Sirup oder Gewürze) so nicht vor. Das hat erst später (wieder) Einzug gehalten und ist in Wien mehr als unüblich. Ich hab’s noch nicht versucht – kann mir aber vorstellen wie ich darauf reagieren würde, würde man mich darum ersuchen Kadermom in den Kaffee zu schütten. 😉

      Soweit zu den ‚üblichen‘ Definitionen. Und jetzt kommt’s: Drei Leute – drei verschiedene. Wetten? 😉

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      1. Was ich hier noch anmerken kann ist, dass noch zusätzlich die Frage kommt, ob mit Espresso oder Filterkaffee zubereitet. Und dann halt die Frage nach der Menge der Milch und des Milchschaums. Das allerschönste ist, dass Deine „üblichen“ Definitionen von meinen „üblichen“ Informationen abweichen, und mein BabyBruder, der sich richtig gut mit Kaffee auskennt, sagt nochmal was anderes. Ups, da hätten wir ja schon drei Leute ^^

        Der Trick bei der ganzen Sache ist im Café oder im Koffieschop das zu bekommen, was man auch wirklich möchte. In Oslo ist z.B. ein Macchiato ein Espresso mit bisschen Milchschaum drauf. In Deutschland dagegen kriegst so´n merkwürdiges Kaffeegetränkt aus dem Automaten beim Bäcker, dass nach Pulverkaffee mit Pulvermilch schmeckt. Wenn dann noch eine Amerikaner „Late Macchiato“ ausspricht, ist es ganz aus.

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