Taxifahren in Wien

Taxifahren in Wien

Es ist kalt. Hätte ich am vergangenen Montag, um etwa 4:45h am Morgen, eine Möglichkeit dazu gehabt das Thermometer zu kontrollieren – es hätte 12°C unter Null angezeigt.

Die Stadt gibt sich menschenleer. Bis auf drei Gestalten – meine Wenigkeit unter ihnen. Gerade bei klirrender Kälte macht sich ein erhöhter Bedarf nach Fahrzeugen bemerkbar, deshalb irren wir drei Geschwister umher, den Blick für die kleinen gelben Tafeln mit der Aufschrift ‚Taxi‘ geschärft und darauf vorbereitet jederzeit winkend vom Bürgersteig auf die Straße zu hüpfen. Und tatsächlich: schon bald gibt es Gelegenheit dazu ein billiges Fluglotsen-Immitat zu spielen.

Sport für Nachteulen

Doch der Fahrer ignoriert das. Nein, er hat uns definitiv nicht übersehen, hat uns durchs Fenster sogar blöde angegrinst.

Dieses Verhalten scheint derzeit sehr beliebt zu sein, denn zwei seiner Kollegen tun es ihm gleich. Zugegeben: Bei dem dritten könnte es durchaus sein, dass er uns tatsächlich nicht wahrgenommen hat. Er war dermaßen schnell unterwegs, dass wir – aus seiner Perspektive – vermutlich drei dunkle Streifen im Lichtschein der Straßenlaternen waren. Und obwohl wir wie Satelliten um einen Taxistand kreisten und gleichzeitig an der nächsten größeren Straße versuchten uns kunstvoll vor ebensolche zu werfen gelang es uns nicht in einem unter zu kommen.

Einige Flüche später fährt eine Mietkutsche an uns vorüber. Im Heck sitzt ein Fahrgast und versucht so männlich wie möglich zu zittern. Das Licht am Dach ist aus – und unsere Hoffnung fährt an uns vorüber. Während ich zu überlegen beginne, ob ich ein Taschentuch eingesteckt habe – und ob Kugelschreiber bei diesen Temperaturen eigentlich funktionierten – schiebt der Fahrer zurück. Ich atme erleichtert aus. Mir wäre ohnehin nicht eingefallen, wie ich meinen Abschiedsbrief mit meinen klammen Fingern hätte schreiben sollen.

Ein Stück des Weges…

Der Fahrgast stellt sich als eben aus Split angereist vor, wo die Kälte die Bewohner scheints völlig unvorbereitet getroffen hatte. Die kurz Reise zu seiner Destination ist also mit Erzählungen über frierende Menschen gespickt, warme Gedanken gänzlich unmöglich. Immerhin taut man in dieser Zeit genügend auf um mit einem eloquenten ‚Aha.‘ zu punkten – oder auch ‚mal mit einem ‚Unglaublich.‘. Aber schon bald verlässt er das Fahrzeug und lässt uns mit dem Fahrer alleine.

Nicht, dass jetzt jemand einen falschen Eindruck bekommt! Wiener Taxifahrer haben den Ruf zu den unfreundlichsten ihrer Zunft zu zählen. Davon war dieser weit entfernt. Er war sogar höchst kommunikativ! So wusste ich zum Beispiel, als er losfuhr, bereits, dass er leider noch nicht geschlafen hatte. Seine Tochter hatte sich, ähnlich uns drei Fahrgästen, den Superbowl angesehen. Er sich irgendetws anderes.

Dem Fahrer auf’s Maul g’schaut!

Zwar kann ich nicht mehr sagen wie’s dazu kam – aber bald ging’s los mit dem Thema ‚Boxen‘. Nun halte ich nicht besonders viel davon, wenn sich zwei erwachsene Männer oder Frauen so taktvoll wie möglich gegenseitig so lange auf die Fresse hauen, bis einer sich entweder an seinen Zähnen verschluckt oder schwer getroffen in die Arme seines Chirurgen sinkt, der nur noch verzweifelt mit dem Kopf wackelt und sich fragt, warum er nicht eigentlich für die Müllabfuhr arbeitet. Ich glaube, dass es ihm wieder einfällt sobald er Geld überwiesen bekommt).

Wie dem auch sei. In dieser halben Ewigkeit lernte ich alles über diesen Mord. Äh. Sport. Und zwar von einem kleinen Tablett, den der Fahrer in der Mitte seiner Konsole aufgestellt hatte. Er kommentierte begeistert (und flüssig!) den Kampf zwischen Vitali Klitschko und Lennox Lewis von 2003.

Mit Tränen in den Augen (die ich nur zu sehen bekam, wenn sich unsere Blicke trafen. Dazu musste ich den Blick von der Straße und seinen vom Tablett nehmen) erzählte er mir nahezu gleichzeitig, dass der Kampf abgebrochen werden musste, weil der damalige Weltmeister (Lewis) Klitschko praktisch die Backe zerfetzt hatte. Leider ging sich dieser Teil auf der Fahrt nicht mehr aus.

Als ich ausstieg war ich, trotz der Kälte, wirklich erleichtert. Und in meiner Überzeugung gefestigt, dass Boxen nichts für mich ist. Oder Taxifahren in nüchternem Zustand.


Das Bild ist eine Kollage aus von Wikipedia entnommenen Grafiken. Sie entstammen den Artikeln ‚Taxi‘ und ‚Wien‘.

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4 Kommentare zu “Taxifahren in Wien”

  1. Ich war nie in Wien. Aber ich hatte mit Taxis in Oslo, Breslau, Paris und München zu tun. Dort gibt es so was, wie Taxizentralen. Gibt es in Wien keine Taxizentralen? Oder hatte niemand von Euch ein Handy mit? Oder hattet ihr keine Telefonnummer? Steht so eine Telefonnummer nicht normalerweise am Taxistand? Oder kostet die Anfahrt eines aus der Taxizentrale bestellten Taxis so viel, dass ein normalsterblicher Durchschnittsverdiener sich so einen Luxus leisten darf?

    Ich plane ja einen Ausflug nach Wien, so in Zukunft. Es könnte von Nützen sein so was zu wissen.

    Gruß,

    LadidaLadida

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    1. Hi!

      Doch, doch gibt’s alles. Wir haben es bei den beiden größten Taxirufnummern versucht – aber es war niemand zu erreichen. :/

      Es war das erste Mal, dass uns soetwas passiert ist. Üblicher Weise sind zwar die Taxilenker unhöflich (Ausnahmen gibt’s überall…), aber die Damen und Herren von der ‚Zentrale‘ nicht. Diesmal wollten sie nicht mit uns sprechen…;)

      lG,
      Daniel

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