Buchhandelslehre? Nur mehr antiquarisch…

Ich glaube, dass vieles im Buchhandel (und genauso in den meisten anderen Lehrberufen) antiquiert ist. Vor Allem das Bild vom ‚Lehrverhältnis‘ zwischen Betrieb, Schule und Lehrling (Azubi) ist Machtkonstruktionen unterworfen, die auf längst vergangene Zeiten zurückzuführen sind. Die Rolle der Schule ist für mich dabei besonders interessant, aber fangen wir langsam an. Ich will nicht vorgreifen.

Das Buch. Klarer Weise.

Der Nutzen von Büchern ist klar. Aufklappen. Lesen. Lernen oder Staunen, sich über den Inhalt schieflachen oder mit den Protagonisten weinen – kurz: Wir verbringen viel Zeit damit uns das Leben anderer einzubilden oder neues aus der Welt in uns aufzunehmen.

Auch klar ist, dass Bücher wunderbare Staubfänger sind. Interessanter Weise trifft das, als Sinnbild selbstverständlich, auch auf so manche Gepflogenheit im Buchhandel allgemein zu. Nüchtern betrachtet erkennt man das etwa daran, dass Bücher günstiger werden, wenn ich mehr Personen in den Verkauf involviere als nötig. Das Bestellen über einen Verlagsvertreter rentiert sich in vielen Fällen nämlich tatsächlich. Bestelle ich bei der ‚Auslieferung‘ eines Verlages (für nicht-Eingeweihte: Quasi der Großhändler, der für einen Verlag die Logistik übernimmt), bekomme ich einen ungünstigeren Einkaufspreis, als wenn ich den Vertreter (telephonisch, via eMail oder persönlich) involviere und der dann die Bestellung an die Auslieferung (‚Großhändler‘) weitergibt.

Nicht, dass ich ein Feind von Arbeitsplätzen im Allgemeinen wäre. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die ganze Branche sich ‚im Umbruch befindet‘. So liest man das zumindest allerorten. Und wenn wir überleben wollen, dann müssen wir endlich den alten Ballast abwerfen und uns fragen, wie wir in Zukunft erfolgreich/er werden können.

Das fängt schon dort an, wo wir unsere Lehrlinge unterrichten. Generationen von Generationen von Systemlemmingen, in einer Branche voller antiquierter Vorstellungen, überlebter Systeme und letztlich kannibalistischer Methodik.

Auslöser für die Überlegungen war ein interessantes Gespräch zwischen der Berufsschule unseres Lehrlings und dem Ausbildungsleiter, das aus simplem Grund entstanden ist: Er hatte angemerkt, dass er es befremdlich finde eine ‚Entschuldigung‘ für seinen Lehrling schreiben zu müssen – obwohl es sich bei diesem um einen mündigen Staatsbürger von über zwanzig Jahren handelte.

Dort fand man nämlich auch etwas befremdlich: Nämlich, dass man sich darüber wunderte.

Denken wir einen Augenblick lang darüber nach, was der Umstand, dass der ‚Lehrherr‘ (wie antiquiert das schon wieder klingt!) eine schriftliche Entschuldigung für das Fernbleiben seines Lehrlings an die Schule richten muss, eigentlich bedeutet. Dazu stellen wir erst fest, dass wir diese Methode ja schon aus der Grundschule kennen: Bleibt das Kind fort, so muss sich ein Erziehungsberechtigter dafür bei der Lehrerin oder dem Lehrer entschuldigen. Wer jetzt einwenden möchte, dass man das ja nicht bei dem Lehrkörper, sondern in Wahrheit beim Staat tut (weil die Entschuldigung ja auf Grund der allgemeinen und gesetzlich geregelten Schulpflicht notwendig ist), der hat schon lange kein solches Schreiben mehr gesehen. Zumeist steht da (stark verkürzt): „Sehr geehrte Fr. Sowieso, ich bitte das Fernbleiben meines Sohnes […] zu entschuldigen.“ – nichts von Republik oder Gesetzgeber.

Welchen Nutzen hat diese Entschuldigung eigentlich?

Im Groben kann man sagen, dass sie Missbrauch vorbeugen soll. Zunächst natürlich von Seiten des Kindes / Lehrlings. Das Schreiben einer Entschuldigung durch den Lehrbetrieb / die Eltern versichert dem Lehrkörper, dass das Fehlen des Kindes nicht aus dessen Lust und Laune heraus geschah, sondern aus berechtigten Gründen. Schön. Schlucken wir das unwürdige zu Kreuze kriechen in der Grundschule (und allen weiteren Schultypen) einmal herunter und widmen uns dem Lehrling. Dem erwachsenen Lehrling.

Stellen wir diesen Lehrling in folgende hypothetische Situation: Zur Wahl stehen zwei Parteien. Eine schreit: Alle Bündnisse abbrechen, Ausländer raus und ab mit uns in die Isolation! Und eine andere ist das komplette Gegenteil. Er darf dazu beitragen diese Entscheidung zu fällen. Mit seiner Stimme, die genauso wertvoll ist wie jene des Bundespräsidenten oder eines jeden Parlamentsmitglieds – oder die seiner Lehrerin / seines Lehrers – darf er zwischen extremen Gegensätzen wählen. Er darf sogar selbst Bundespräsident oder Bundespräsidentin werden! Aber eines darf er nicht: Selbst sagen, dass er an einem bestimmten Tag die Berufsschule nicht aufsuchen konnte, weil er so starken Durchfall hatte, dass er sich nicht traute in den Bus zu steigen. Er ist von dem Recht sich selbst zu erklären ausgeschlossen, Teilentmündigt.

Und warum? Weil er sich entschieden hat eine Lehre zu machen. Nicht, dass das jetzt nur den Buchhandel beträfe – aber in selbiger Branche ist der Anteil von erwachsenen Lehrlingen verhältnismäßig hoch. Nehmen wir mich. Um die 30, Kinder, Familie – war bis zu meinem Burn-Out in einem internationalen Großkonzern zuständig für die Automation von Kunden mit Umsätzen im Millionenbereich (und das in drei verschiedenen Ländern), habe für die Verkaufsabteilung die Wirtschaftsanalytik in diesen Ländern geleitet und darüber hinaus die Pläne erstellt, nach denen wir unser Wachstum planten. Aber wenn ich mich dazu entschlossen hätte danach eine Lehre zu machen – ich hätte in meinem Betrieb darum bitten müssen mich zu entschuldigen, wenn eines meiner Kinder im Krankenhaus gelegen hätte. Oder ähnliches.

Der Lehrer als Dienstleister an der Allgemeinheit

Und so hat also ein Lehrer den Schneid sich darüber ‚befremdet‘ zu geben, dass man es nicht als gottgegeben hinnimmt, dass ein erwachsener Mensch (technisch gesehen, natürlich) zwar Pro oder Contra den dritten Weltkrieg stimmen darf, nicht aber für sich selbst eine Erklärung abgeben kann, warum er einige Stunden Unterrichtszeit verpasst hat.

Ich stelle eine andere These auf: Diese Menschen haben das 21. Jahrhundert noch nicht erreicht. Denn die Wahrheit ist einfach: Die Schule ist ein Dienstleistungsbetrieb. Nicht unbedingt und direkt gegenüber dem Lehrling. Nicht unbedingt und direkt gegenüber dem Lehrbetrieb. Aber definitiv und in jeder erdenklichen Weise direkt gegenüber den Bürgern des Staates. Seine Methoden haben sich daran zu orientieren, was – konsequent gedacht – für unsere Gesellschaft am nützlichsten ist. Und wenn wir schon davon sprechen, dass jemand hier irgendjemandem Meldung machen muss, dann doch wohl die Berufsschule dem Lehrbetrieb, der echten, greifbaren und unmittelbaren Nutzen für die Gesellschaft generiert.

Einen Beruf zu lernen ohne dafür in die Berufsschule zu gehen ist möglich (wenn ich auch dennoch ein Befürworter des dualen Ausbildungssystems bin!). Umgekehrt ist das sinnlos. Wer bedingt hier also was?

Warum der Buchhandel ein Vorreiter sein sollte.

In den großen Zeiten des Buchhandels war er nicht weniger als die intellektuelle Leitkuh, der Buchhandel. Zumindest in so fern, als er dafür sorgte, dass Wissen konserviert werden konnte – und weit über den persönlichen Wirkungsbereich einzelner Personen hinausging. Ein Satz einmal gesagt beeinflusst alle, die bei seiner Aussprache anwesend waren und ihn vernehmen konnten. Ein einmal aufgeschriebener Satz hingegen kann seine Wirkung mit jedem Leser neu entfalten, kann darüber hinaus in Gegenden vordringen, in die weder der ursprüngliche Verfasser noch seine Zuhörer jemals gekommen wären. Er kann später nachgelesen werden.

Wer also mit Büchern zu tun hatte, der saß am Quell des Wissens und am Puls der Zeit gleichermaßen. Leser, und vor Allem der Buchhändler, waren Vorbilder. Bildung und Buch – eine Kombination die bis heute in den Köpfen der Menschen fortlebt; trotz Fernsehen, Internet und eBook. Eine Bibliothek gilt vielen eher als Zeichen von Intellekt als ein Apfelgekrönter Computer im Hintergrund – auch im Fernsehen.

Heute ist das ein wenig anders. Wir hinterfragen nichts mehr, sind das Abstellgleis moderner Kommunikation und gelten (mitunter zurecht!) als zurückgebliebene Rückzugstruppe, das Gefecht gegen digitale Medien unser gefühlter Begleiter. Doch das muss nicht so sein. Wir haben immer noch das Wissen in unseren Händen. Wir sind immer noch in der Lage Vorreiter zu sein, anstatt der Entwicklung hinterher zu hinken und anschließend zu jammern.

Hoch mit den Hinterteilen – und endlich aufgepasst! Jede Generation Buchhändler übernimmt die Branche als antiquarisches Werk und steht vor der Entscheidung: Restaurieren – oder überarbeiten?

Ich bin für überarbeiten. Von-Grund-auf.

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5 Kommentare zu “Buchhandelslehre? Nur mehr antiquarisch…”

    1. Freut mich sehr. 🙂

      Das ist mir ein großes Anliegen, denn ich schätze die Branche an und für sich sehr. Und fände es wirklich schade, wenn wir uns selbst die Zukunft verbauten. Ich glaube, dass der Buchhandel voller Zuversicht auf eine glorreiche Vergangenheit schaut. Und, dass das einfältig ist.

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    1. Hallo!

      Zu wünschen wäre es Dir. Leider sieht’s nicht danach aus. Es ist wie mit fast Allem: Erst auf die Katastrophe folgt der Wiederaufbau. Vorher denkt keiner ans Renovieren. :/

      Nichts desto Trotz: Man sollte, für den einzelnen Lehrling, auch nicht aus den Augen lassen, dass es eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne ist, die man seiner Ausbildung (mit Schule!) opfert. Und niemand sagt, dass man während dieser Zeit nichts dagegen tun kann. In AT zum Beispiel gibt’s ja auch Junggewerkschaften, bei denen man das ja ‚mal ansprechen könnte. Übrigens hat das der angesprochene Ausbildungsleiter, dem ich das wirklich hoch anrechne, auch schon empfohlen. 😉

      lG;
      Daniel

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