Auf Odyssee mit dem Headphone-Poser

Nur er kennt dieses Schicksal besser: Odysseus

Bauerneröffnung. „Ich such‘ ein Buch.“, also. Gut gewählt, denk‘ ich so bei mir, als ein junger Mann zur Türe hereinschneit und auf meine junge Kollegin zugeht. Zumindest passt diese epochale Enthüllung beim Betreten einer Buchhandlung zur äußeren Erscheinung: Die Kleidung wirkt, als hätte er sie einem noch langsameren Hip-Hop-Typen entwendet und die übergroßen Headphones, lässig um seinen Hals gewickelt, dienten wohl normalerweise dazu den Kopf so zu quetschen, dass das Hirn komprimiert wird.

„Aha.“, steigt meine Kollegin in den Ring. „Und … was bestimmtes?“

„Nein, nein. Irgendeines.“

Verlegenes Schweigen. Dann ringt sich meine Kollegin dazu durch einen zweiten Versuch zu starten, kaum wert den Vorgang als ‚Nachbohren‘ zu bezeichnen, zumal ja bisher noch nicht einmal die Oberfläche dafür gefunden worden war. Sie fragt nach einer Richtung – und bekommt eine erfolgversprechende Antwort: „Naja … die Kategorie ist aber klar.“

Hoffnungsvolles Lächeln links neben mir verriet, dass seitens der zuständigen Verkäuferin wieder auf geordnete Bahnen gesetzt wurde. Doch so schnell es bergauf ging, so schnell kippte das Ganze wieder: „Spannung.“, erläuterte er nämlich. Triumphierend.

Ich widmete mich wieder anderen Aufgaben und vernahm deshalb nur noch Wortfetzen. Vage Andeutungen seinerseits führen zum Fantasy-Regal, in den Bereich der Vampire und Wehrwölfe, und führen zu kurzen Gesprächen. „Werde ich dann Frauen verstehen?“, dringt seine Stimme an mein Ohr – doch zunächst glaube ich noch an einen Hörfehler. Erst, als er sich wieder mir zuwendet und quer durch den Raum ruft: „Habt Ihr eigentlich auch ‚Deutsch – Frau, Frau – Deutsch‘?“, bin ich mir sicher mich nicht verhört zu haben.

Wie auch immer: Er wartete die Antwort gar nicht ab und bombardierte meine Kollegin mit weiteren lächerlichen Fragen vom gleichen Kaliber, sodass ich mich entschloss mir eine Tätigkeit in der Nähe der beiden zu suchen. Mit Irren ist schließlich niemand gerne allein.

Eine kurze Diskussion darüber, ob es auch Vampirromane mit ausschließlich männlichen Protagonisten gibt (Ich hasse den umgekehrten Fall genauso und kann die Fragen nach dem Geschlecht des Protagonisten nicht mehr hören. Allerdings ist es in nur wenigen Fällen ein Mann der sie stellt…), schwenkte er um. Und zwar auf mich. Heimlich, still und leise, machte sich meine Kollegin auf und davon. Soviel zur Schützenhilfe.

„Was sind denn bei Ihnen so die Bestseller?“, schleuderte er mir gespielt Fachkundig entgegen.

Ich überlegte einen Augenblick und beschloss, dass die meisten Bücher die bei uns tatsächlich ‚Bestseller‘ waren, wohl bereits beim Titel anfingen für ihn zu kompliziert zu werden – und zeigte ihm daher etwas aus der Abteilung ‚leichte Kost‘. Scheinbar traf nichts seinen Geschmack (wobei es vermutlich hilfreich gewesen wäre, hätte er einen Blick auf die Bücher in diesem Bereich geworfen – und nicht schon die Regale daneben abgeklappert), also wurde ich nach dem Buch ‚Pearl Harbor‘ gefragt.

„Da gibt es doch zwei, drei. Welches meinen Sie?“, kontere ich. Mir ist natürlich schon klar, welches er meint – aber ich hatte keine Lust mehr kooperativ zu sein.

„Das zum Film.“, kommt die prompt die Antwort.

„Tut mir Leid – da gibt’s keines.“, gebe ich mich vorzeitig geschlagen. Es gibt ja doch einige Verfilmungen des Stoffs, aber ich will ihn nicht weiter überfordern.

„Und was gibt es sonst noch an Verfilmtem?“

Wir einigten uns schließlich darauf, dass es besser wäre, wenn er mir Filme nannte – und ich ihm dann Auskunft über die Verfügbarkeit von Romanen dazu erteilte. Leider kam es nie dazu, denn mit einem Mal ging ihm ein Licht auf: „Haben Sie auch etwas Poetisches?“

„Lyrik?“

„Ja. Vielleicht auch.“

Ich führte ihm zum entsprechenden Regal und versuchte noch einmal all meine Kräfte / Geduld aufzubieten, doch kaum hatte ich ihm gezeigt wie er sich dort orientieren konnte, hatte er schon den nächsten Geistesblitz. „Haben Sie auch Sprüche, oder so?“

„Sprüche? Sie meinen … Aphorismen oder Zitate?“

Fleißiges Nicken, watscheln zum nächsten Regal. Kaum hatte ich ein Buch gezückt („Zitate der Weltliteratur“) und wollte nach dem nächsten greifen, setzte er zum nächsten Versuch an. „Und etwas … vulgäres?“

Diesmal brachte er mich tatsächlich ins Wanken. Ich war erstaunt einerseits, und fragte mich andererseits, wo nun eigentlich die versteckte Kamera platziert worden war.

„Vulgär?“, hakte ich also ein. Wenn dies eine entsprechende Show war – dann wollte ich eine gute Figur machen. Ich wollte nicht ins Fernsehen; zumindest nicht auf die Tour. „Vom Schreibstil her – oder vom Inhalt?“

„Ja.“

Ich zögerte, führte ihn aber schließlich in die Abteilung mit erotischer Literatur. Während ich noch überlegte, welche Genres wir noch nicht durch hatten (in Analogie zum ersten Geniestreich von dieser Headphone-Tröte dachte ich auch schon über eine Kategorie ‚Traurig‘ nach), fand er aber endlich das Buch seiner (nicht ganz trockenen, wie ich vermute) Träume. Den Titel will ich nicht wiedergeben – aber ich war glücklich.

Wer sich jemals fragt, wie viele Schwachmatiker in der Welt eigentlich herumlaufen, dem kann ich nur raten mich kurz nach meiner Pensionierung zu fragen. Ich werde die korrekte Anzahl nicht nur nennen können, sondern jeden einzelnen von ihnen persönlich kennengelernt haben, denke ich. 😉

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