Kalender-Gate

Der alltägliche Wahnsinn wird von uns ja viel zu wenig gewürdigt. Das mag zum Einen daran liegen, dass es einfach genügend aus diesem Trott herausragende Begebenheiten gibt, die von uns geschildert werden – zum anderen, dass eine Verkettung derselben schon wieder alltäglicher Wahnsinn ist.

Vor wenigen Tagen hatte ich es wieder mit jemandem zu tun, der selbst aus der Masse der unerträglichen Personen noch deutlich hervorsticht. Bewusste Dame fortgeschrittenen Alters, ihres Zeichens offenkundig ehemalige Säuferin und Grundschullehrerin (zweitschlimmste Kombination vor der aktiven Säuferin gleichen Berufs), bediente sich der mentalen Blutgrätsche folgender Maßen:

„Ist mein Katzenkalender schon da?“

Schlagfertiges Schweigen meinerseits, danach die höchst kreative frage: „Welcher Katzenkalender? Soweit ich sehen kann, haben wir keinen bestellt.“

Mit einem Mal veränderte sich mein Gegenüber und bildete wohl die anthropomorphe Personifikation des blanken Entsetzens. „Waaaaaaaaas? Ich hatte den vor zwei Wochen bestellt und brauch‘ den morgen. Unbedingt. Wie steh‘ ich jetzt bitte da?“

„Vielleicht … äh … bei wem haben Sie den den bestellt?“, lechze ich nach Hintergrundinformationen. „Beim Kollegen? Bei der Kollegin?“

„Na bei Ihnen. Am Telephon. Ich hab‘ Sie angerufen und Ihnen sogar die Nummer gegeben. Und sie haben gesagt, dass der ganz sicher da ist. Und jetzt? Wie steh‘ ich bitte da?“, wird sie laut. Gut … man hätte sie darauf hinweisen können, dass sie ohnehin kaum steht, sondern mehr wie der schiefe Turm von Pisa auf ihre Krücke gelehnt anderen Kunden den Weg versperrt. Aber man ist ja höflich.

„Bei mir? Ganz sicher? Und ich hab‘ gesagt, dass der ganz sicher da sein wird?“

„DAS HABEN SIE GESAGT. ICH HAB‘ VON DEM KALENDER IN DER ZEITUNG SOWIESO GELESEN, DA WAR EIN ARTIKEL DARÜBER, UND DANN HAB ICH DA ANGERUFEN UND BESTELLT. UND JETZT SAGEN SIE MIR, DASS ER NICHT DA IST.“

Diverse Beschimpfungen später stelle ich – überraschend – fest, dass ich keine Lust habe mir das anzuhören. Besondere Umstände hindern mich daran die werte ‚Kundin‘ aus dem Laden zu schmeißen, mitsamt Krücke und zukünftigen fiktiven Bestellungen. Aber aus eben diesen Gründen bleibt das ein Wunschtraum – und jemand anderer übernimmt.

Aus blankem Mitleid – und vermutlich Restzweifel – entwickelt man Ehrgeiz und bringt gleich zu Beginn in Erfahrung, dass die ehemalige Miss Schnapsglas 1961 keineswegs sicher ist mit mir telephoniert zu haben. Man einigt sich also auf einen Kollegen – oder eine Kollegin. Und dann telephoniert man 20 Minuten mit dem Archiv der erwähnten Zeitung um herauszubekommen, wie dieser Kalender eigentlich geheißen hatte. Doch dann: Das Weihnachtswunder!

„Enschuldigen Sie. Aber ich darf Ihnen ganz sicher sagen, dass wir in den letzten 24 Monaten keinesfalls einen Artikel über einen Katzenkalender veröffentlicht haben. Es waren ein paar Inserate in einigen anderen zum Zeitungsverbund gehörenden Zeitungen drinnen, in denen möglicherweise Katzenkalender irgendeiner Art angehört haben mögen. Aber bei uns – ganz sicher nicht.“

An diesem Punkt möchte ich feststellen, dass diese ‚Person‘ also zumindest eines mit einem gewissen Hrn. Martin Luther King gemein hat: Sie hatte einen Traum.

Was mich jetzt allerdings beunruhigt: Offenbar träumt sie von mir.

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